Zwillinge, deren Beschaffenheit Fragen aufwirft




Belletristik und Lyrik aller Art

Zwillinge, deren Beschaffenheit Fragen aufwirft

Beitragvon jupp » Di 7. Mai 2013, 09:15

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DIE SCHAUERLICHEN ABGRÜNDE DER MODERNEN GENTECHNIK, TIEF SINNEND BETRACHTET VON EINEM KREIS BEGNADETER EXPERTEN IN ANGEMESSENEM AMBIENTE

Neulich traf sich mal wieder unsere kleine Altherrenrunde alter Studienkollegen bei Dirk, der ursprünglich einen ordentlichen Beruf ergreifen wollte, dann aber Jurist wurde. Sehr bald erwies sich, dass der körperreiche 1-er Grand Cru aus dem Bourgogne, den er uns servierte, dem Thema, das wir am Kaminfeuer erörterten, angemessen war. Unser Freund Karl-Josef, der sich seit einiger Zeit Charles Grietest nennt, der es als „Abgebrochener“ zwar nicht zur Edelfeder bei einem Qualitätsprodukt der Presse, aber bei den Yellows zu viel Geld gebracht hat, zog, kaum dass wir die ersten Wonnen des Bourgogne geziemend gekostet hatten, eine Agenturmeldung aus seinem Kaschmir-Armani (zu dem er weder eine Krawatte noch Socken in seinen Turnschuhen trug): „Hört mal Freunde! Was meint ihr zu dieser brandheißen News: ‚In Großbritannien hat ein weißes Ehepaar nach einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung schwarze Zwillinge bekommen!’“
Dirk: „Zunächst gilt es wiederum zu konstatieren, dass ihr Journalisten selbst die einfachsten Sachverhalte nicht sauber zu eruieren und sine ira et studio zu beurteilen imstande seid. Ich halte zur Verdeutlichung fest, dass a) nicht ein Ehepaar, sondern nur eine Frau Zwillinge bekommen kann – eine prozesserhebliche Tatsache -, und dass es b) mehr als zweifelhaft ist, den Vorgang, dass ein weißes Ehepaar Zwillinge offensichtlich anderer Hautfarbe bekommt, als ‚Erfolg’ zu bezeichnen. Selbst einem einfachen Bürger drängt sich doch angesichts der Faktizität die Frage auf: ‚quis vir tertius erat?’“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ahnte ich, vor welche Abgründe schmerzlichen Fragens uns der Abend stellen würde. Ich bat daher unseren Dirk, vorsorglich noch eine zweite Bouteille zu dekantieren und wandte mich an Stefan, der als Gynäkologe ständig tiefe Einblicke in die Geheimnisse des Lebens, die Hand am Puls der Zeit hat.
Ich: „Sag mal, mein lieber Stefan, ist die News, von der unser Charles berichtet, wirklich so brandheiß, dass die Yellows, die doch gewöhnlich erst ab 100 Toten berichten, wegen zweier kleiner Erdenbürger solche Riesenaufmacher in die Blätter bringen?“
Stefan prüfte einen langen Moment das Bukett, das dem edlen Kristall entstieg (was wir ihm gleich taten), netzte kräftig Zunge und Gaumen (was wir ihm gleich taten): „Es ist genau so wie du es sagst, lieber Joseph, unser seit eh und je vorschneller Charles und seine Kollegen machen seitenweise die große Klappe, aber danach wissen weder sie selber noch ihre Leser, worum es eigentlich geht. Also ein paar klärende Informationen zur Sache. Es ist für uns ärztlich-professionelle – und nicht journalistische – Betrachter und Behandler des, traditionell formuliert, Menschlichen absolut nicht neu, dass sich nach der Beendigung einer bis zu 9 Monaten dauernden Tragefunktion bei dem gewonnenen Produkt genombedingte Befunde ergeben können, die den Erwartungen der Beteiligten auffällig widersprechen, also beispielsweise, dass ein Ehepaar mit weißer Hautfarbe ein oder zwei Kinder mit einer anderen Hautfarbe, die auf eine afro-ethnische Herkunft schließen lässt, bekommt. Wir konnten aus ärztlicher Sicht solche scheinbaren Anomalien bisher auf einen ganz normalen biologischen Vorgang zurückführen, den unser lieber Johannes, der als katholischer Priester freiwillig auf solche köstlichen Annehmlichkeiten verzichtet, mit tiefer moralischer Abscheu als ‚Fremdgehen mit einem schwarzen Heidenkind’ bezeichnen würde.“
Johannes, der einzige aus unserer Runde, der sich zum Priestertum berufen fühlte: „Ach Freunde, lasst uns nicht über mein gottgefälliges Zölibat und seine Folgen, die ich zu vermeiden weiß, reden, sondern über die Verderbtheit der heutigen Amoral in gottesfernen, säkularisierten Verhältnissen sprechen.“
Stefan: „Natürlich Johannes, das müssen wir nachher noch ausführlich. Aber zuvor muss ich noch die Frage von Joseph nach dem Neuen in der News von Charles fertig beantworten. Neu ist für uns, die Einblick in die Praxis des täglichen Lebens haben, ist, dass es sich bei dem, was unser Charles berichtet, nicht um ein klassisches ‚Fremdgehen’ handelt, sondern, dass der behandelnde Arzt – das ist die wahrscheinlichste Variante – in seiner Tiefkühltruhe mit dem embryonalen Gefriergut zwei Röhrchen mit eingelagertem Hodenmaterial verwechselt hat.“

Vor einer vorschnellen Antwort auf solch neue Risiken der modernen Gentechnik bewahrte uns ein genießender Schluck vom 1-er Grand Cru.

Dirk: „Um das aufzugreifen, lieber Stefan, was du uns aus deiner Sicht gesagt hast, für uns Juristen, die bekanntlich für klare Verhältnisse sorgen, wirft das sofort eine definitorisch gesehen schwierige Frage auf. Bei eueren modernen Techniken, lieber Freund Stefan, handelt es sich doch in praxi um ein Dreiecksverhältnis sui generis. Wenn es bei einem Paar naturabiliter nicht ad resultatem kommt und biologisch-natürliches ‚Fremdgehen’ nicht möglich oder gewollt ist, fällt euch Medizinern die Rolle des Dritten, juristisch formuliert, die des Handlungsgehilfen oder Beihilfe Leistenden zu einer Tat zu. Damit erhebt sich ganz explizit die prinzipielle Frage, ob wir als ‚Fremdgehen’ nur noch die von dir geschilderten Fälle natürlich-biologischen Vorgehens, oder auch den Griff zum falschen Röhrchen bezeichnen müssen, womit in concreto das ‚Fremdgehen“ de jure dem ‚Fehlgriff’ gleichzusetzen wäre.“
Johannes: „Schwierige Fragen für mich habt ihr, liebe Freunde, da wir Zölibatären nach Fremdem weder gehen noch greifen, sondern nur nach Eigenem, Vertrautem. Doch bin ich zuversichtlich, mit Gottes Segen kommen wir ohne Erschütterungen über diese Defizite der heutigen geselligen Verhältnisse hinweg. Hören wir doch auf das Wort der Pastorale: ‚was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen!’“
Ich: „In diesem konkreten Fall, lieber Johannes, kann ich deiner Logik nur im Prinzip folgen. Tatsache ist doch, wir haben es hier mit einem anderen Ursache-Wirkungs¬zusammenhang zu tun. Lassen wir für einen Moment dahinstehen, ob das, was Gott gefügt hat, auch auf Dauer gefügt bleiben muss. Wir haben es doch mit der Frage zu tun, ob das, was ein verwechseltes Reagenzglas zusammengefügt hat, auch ein Ergebnis auf Dauer sein muss. Da hat doch der behandelnde Arzt etwas falsch verbunden.“
Johannes: „Mein lieber Joseph, du warst ja schon immer etwas skeptisch-amoralisch. Ich muss da auf meinem Wertefundament beharren: ‚was Gott wachsen lässt, davon soll sich der Mensch nicht trennen’.“
Ich: „Sag Johannes, wie verträgt es sich mit deinen Wertegrundsätzen, dass du von Zeit zu Zeit zum Friseur gehst?“

Ein andächtiges Schweigen legte sich über die Runde, da Dirk den ersten Schluck aus der zweiten Bouteille zur Verkostung kredenzte. Alle nickten mit dankbar-anerkennendem Blick dem Hausherrn zu. Diesbezüglich war sich die Runde ohne Ausnahme einig.

Natürlich war es Charles, der die Andacht abbrach. „Ihr bringt mich da auf die Idee eines Super-Aufmachers, um die Problematik heutiger Zeugungsformen und der damit verbundenen Restrisiken dem Volk zu verdeutlichen. Wie soll ich es ausdrücken ...“
Ich: „Charles, gerade in deinem Metier solltest du daran denken, dass die Kenntnis der deutschen Sprache ungemein deren Anwendung erleichtert.“
Charles: „Dann will ich es mal in populärer Sprache versuchen, also es geht mir bei meiner Aufhängerhype sinngemäß darum: wer statt auf solide Hausmannsarbeit auf die Technik vertraut, muss mit dem Restrisiko leben, dass was anderes als das Gewollte herauskommt. Jede Technik ist fehlbar. Natürlich braucht die Idee noch eine knallharte Headline.“
Johannes: „Ich meine, unserem doch sehr weltlich geprägten Disput fehlt entschieden das spirituelle Element ...“
Ich: „Sag bloß Johannes, du willst dem weißen Ehepaar jetzt auch noch die alte Nummer mit dem Heiligen Geist zur Erklärung anbieten? ...“
Johannes: „Ich glaube, da Problem liegt tiefer, lieber Joseph. Unserer Gesellschaft fehlt zunehmend die Achtung vor der höheren, uns Geschöpfen nicht zugänglichen Weisheit und die Demut vor der Gnade, die unser Herr uns fehlenden Menschen in überreichem Maße gewährt. In meiner tiefen pastoralen Sorge würde ich den weißen Eltern raten, die unverhofften Früchte als Geschenke Gottes anzunehmen. Wo bliebe denn sonst die Liebe in unserer gnadenlos egoistischen Gesellschaft?“
Stefan: „Sie bliebe – wenn man sie in deinem Sinn begreifen will – ein Konstrukt von etwas, was es nicht gibt.“
Ich: „Wie schon der alte Kant, lieber Johannes, sinngemäß gesagt hat, Liebe und die ihr griesgrämig folgende Ehe sind nur ein Vertrag, der den zeitweiligen Besitz der gegenseitigen Geschlechtsorgane regelt.“
Stefan: „Und wir Heutigen sagen und wissen, Liebe ist ein im limbischen System agierender Regelkreis des sogenannten akzessorischen olfaktorischen Systems und der Pheromone.“ Dirk: „Leider, ihr beiden, sorgt euer Exkurs zur Liebe nicht für die Klarheit der Verhältnisse, um die wir Juristen uns bemühen. Ich versuche einmal, anhand der anliegenden causa die Problematik der Annahme eines unerwarteten Gottesgeschenkes zu explizieren. Audiatur et altera pars! Das weiße Ehepaar, das nun im Besitz der nicht-weißen Zwillinge ist, will, nehmen wir mal an, die so nicht erwartete Gabe annehmen. Aber der prima facie wohl wirkliche Vater und seine Frau fordern deren Herausgabe.“
Charles: „Und wie wollt ihr Juristen mit euerer unendlichen Weisheit einen solchen Konflikt lösen?“
Dirk: „Als erstes könnte man auf den alten Rechtsgrundsatz ‚Trau, schau, wem’ rekurrieren.“ Stefan: „Ich glaube lieber Dirk, dieser alte deutsche Grundsatz wird der heutigen Lebenswirklichkeit nicht mehr gerecht, kann uns, die wir im Dienste der modernen Reproduktionsmedizin stehen, nicht helfen. In meine Praxis kommen täglich Frauen, die sich getraut haben, ohne getraut zu sein, und die Technik verwehrt es mir, in meiner Tiefkühltruhe in die Röhrchen zu schauen um Auskunft zu geben, von wem das Material zur Fortpflanzung mit Sicherheit herkommt.“
Dirk: „Stefan, aus der Sicht eines Laien gesehen, würde mir das sofort einleuchten. Aber wir Juristen finden immer einen Weg, die einfachsten Dinge so kompliziert zu machen, dass wir einen Prozess darüber über alle Instanzen führen können. Ich rege daher an, nochmals tiefer über die Formen und Inhalte heutiger Rechtsinstitutionen nachzudenken. Zunächst beispielsweise über den Verbraucherschutz.“
Ich: „Du meinst, Dirk, wie sich Verbraucher und –Innen vor unerwünschten Produkten schützen können? Da seid ihr Juristen doch ganz gründlich auf dem Holzweg. Wir können doch Probleme, wie das vorliegende, nicht lösen, indem wir der Empfängerin durch einen verbraucherfreundlichen Paragrafen ein Widerrufsrecht innerhalb von 14 Tagen einräumen. Auch unser lieber Johannes wird mit mir einer Meinung sein, dass wir eine Schwangerschaft - von atypischen Fällen abgesehen – nicht als ‚Haustürgeschäft’ behandeln können.“
Dirk: „Bene dicte, lieber Joseph, ich dachte auch weniger an die modischen Bestimmungen der Verbraucherschutzgesetze, natürlich kann nicht jeder Postbote einfach zurückholen, was er einige Tage zuvor gebracht hat, als an den schon seit 1900 im BGB festgeschriebenen Grundsatz, wonach bei zweiseitigen Vertragsverhältnissen eine Ware wegen ‚Fehlens zugesicherter Eigenschaften’ zurückgegeben werden kann.“
Ich: „Ohne Zweifel Dirk, dein Statement scheint, zumindest auf den ersten oberflächlichen Juristenblick, brillant zu sein, also dem von dir gewohnten Niveau zu entsprechen. Auf den genaueren zweiten Blick, wie er mir zu Eigen ist, wird uns das jedoch nicht weiterhelfen. Du hast vorhin selbst gesagt, dass wir es bei unserem Problem nicht mit einem zweiseitigen Vertrag, sondern mit einem Dreiecksverhältnis sui generis zu tun haben. Also habe ich einige Fragen, bevor wir Antworten haben: a) welche Eigenschaften sichert ein Reproduktionsmediziner zu, bevor er in die Tiefkühltruhe greift, und b), wir haben es doch wohl nicht mit dem Fehlen zugesicherter, sondern mit dem Hinzukommen unerwarteter Eigenschaften zu tun, woraus c) folgt, ob die Zwillinge an den behandelnden Arzt, zu dem allein ein zweiseitiges Vertragsverhältnis besteht, zurückgegeben werden können, obwohl d) das weiße Ehepaar die Zwillinge nicht herausgeben will, genau das aber, Punkt e) der Spender fordert, mit dem das weiße Ehepaar jedoch nicht durch einen zweiseitigen Vertrag, sondern nur mit einem allseits unerwünschten Dreiecksverhältnis, genauer gesehen mit einem Vierecksverhältnis - sui generis verbunden ist, womit sich f) die Frage stellt, wer die Folgen ärztlichen Fehlgreifens auf sich zu nehmen hat, wenn dieser sich, wie Dirk wohl sagen mag, als ‚untauglicher Versuch’ herausstellt?“

Der Inhalt der zweiten Bouteille näherte sich dem Ende.

Johannes: „Schließen wir mit den Worten des HERRN: ‚viae seminis non in discussione essent’.“

Am Gartentor waren die Taxis vorgefahren.
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von Anzeige » Di 7. Mai 2013, 09:15

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Re: Zwillinge, deren Beschaffenheit Fragen aufwirft

Beitragvon gnies.retniw » Sa 11. Mai 2013, 08:37

Lieber Jupp,

die Behandlung dieses brisanten Falles enthält sowohl Seitenhiebe auf heutige Rechtsprechung, als auch gedankliche Tiefgänge zu Problematiken unserer Zeit. Offensichtlich führte der Jurist in dir die Feder. Und einerseits mag die juristische Auseinandersetzung dem Lesenden wie Korinthenkackerei vorkommen, andererseits zeigt dieser Text (für mich) die Bedeutung der Jurisprudenz im Allgemeinen. Um es kurz zu machen: Dieser Text ist kein untauglicher Versuch.

Lieben Gruß von Signe
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