Nach meinen einschlägigen Praxiserfahrungen – bei meinen zahlreichen, einschlägigen Suchgängen in Wald und Flur konnte mir niemand ein Glas Wasser reichen - bei der Suche von wilden Beeren, die außergewöhnlich vitaminreich sein sollen (es stand in der Apotheken Umschau, deren Lektüre immer lehrreich ist), in den Rocky Mountains, in die ich, einem Rat ebenfalls der „Apotheken Umschau“ Folge leistend, geflogen war, muss ich meinem tiefsten Bedauern darüber bewegende Worte verleihen, dass es nicht gelungen ist, das Handy, gleich dem letzten Funken Verstand der Schnäppchenjäger, der „Geiz ist geil“ - Kampagne zum Opfer fallen zu lassen und dies, obwohl es so flach wie das Samstagabend-Programm von RTL ist und man auf ihm die simpelsten Apps drücken kann. Denn man braucht es wirklich nicht. Wenn dennoch so viele Menschen einen Haufen Geld für ein dauernd piepsendes Deppenspielzeug zum Fenster hinaus in den Rachen der Telefongesellschaften werfen, liegt das an dem Missverständnis, dass das, was gerade als Schnäppchen angepriesen wird, auch gebraucht würde. Auf diesem Missverständnis beruht zum Beispiel, dass eine Bekannte von mir 9 Klobürsten im Vorratsschrank liegen hat, seit ein bekannter Discounter die Aktion „Nimm 2 bezahl 3“ gestartet hat.
Sollten Sie jetzt vermuten, ich sei ein verkalkter Technikfeind, weil mir die Lektüre von Goethe leichter fällt als die Bedienungsanleitung für das Benutzen eines modernen Telefons zu enträtseln, so befinden Sie sich in einem gewaltigen Irrtum. Nach meinen umfangreichen Praxiserfahrungen könnte das Handy in manchen Ausnahmesituationen durchaus hilfreich sein. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, sie durchstreifen in Kanada die Rocky Mountains um wilde Beeren, die außergewöhnlich vitaminreich sein sollen, zu sammeln. Da eilt ein weißer Hai oder Stefan Raab auf Sie zu. Wie sollen Sie sich in dieser Situation verhalten, um Ihr Leben – im Fall der Annäherung eines Weißen Hais - oder Ihren Verstand – im Fall der Annäherung von Stefan Raab (es kann auch ein Spitzenfunktionär einer der C-Parteien sein) - zu retten? Sie werden zugeben, da wäre ein schneller Rat per Handy sehr hilfreich, ein willkommener Happen vom Segen der modernen Technik.
„Wäre, wenn, hätte ...“, doch in diesem bedrohlichen Moment schlagen die Tücken der modernen Technik voll zu. Genau so war es, als es mir im Verlauf meines expeditionistischen Treckings statt wilder Beeren mit einem außergewöhnlich hohen Vitamingehalt ein Bär, ich augenscheinlichte ein außergewöhnlich räuberisches Exemplar des ursus arctos horribilis, vor die Augen kam. Glauben Sie mir, da war die Kacke derart am dampfen, dass ich keine Motivation verspürte, einen abgestandenen Kalauer mit der Verwechslung von Beeren und Bären zwischen meinen Zähnen hervor zu stoßen. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Angesichts seiner gebleckten Reißzähne, zwischen denen Bäche von schleimigem Speichel über seine Lefzen flossen unterhalb seiner mordlüsternen Augen gelangte ich zu der Ansicht, die Bestie sei gleich den Beeren ein wildes Naturgewächs in den Rocky Mountains. Ich nehme an, auch ein fundamentalistischer Experte aus dem Ökomilieu wäre, wenn er sich in meiner Begleitung befunden hätte, zum gleichen Schluss gelangt, obwohl die Bestie offensichtlich nicht strahlte. Zugleich entnahm ich diesem sehr unerfreulichen Anblick die Information, es sei nicht ratsam, in dieser Situation den Bären zu pflücken und in meinem biologisch geflochtenen Weidenkorb zu bergen, um ihn im Hotelzimmer auf einen möglichen außergewöhnlich hohen Vitamingehalt zu testen.
So, nun können Sie sich vermutlich vorstellen, in welchen Situationen ein funktionierendes Handy als schmuckes Accessoire begrüßenswert ist. Aber es ist so wie bei einer Freundin: könnte man sie einmal gut gebrauchen, sitzt sie beim Friseur und bildet sich beim Studium der BUNTEN weiter. Überträgt man nun die Freundin auf den sabbernden und glotzenden Grizzly und das piepsende Handy im Dünnformat, so werden uns die Versagergründe, die ich aufgrund meiner einschlägigen Praxiserfahrungen in einer Liste, die aus vier Punkten besteht, zusammengefasst habe, sehr deutlich.
1. Wenn man mal ausnahmsweise ein Handy brauchen könnte, hat man es zu Hause vergessen. Das ist ganz normal. Wer hat schon, wenn er durch die Prärie streift und ein Sioux hinter seinem Skalp her ist, seine Kalaschnikow dabei?
2. Hat man in einem der seltenen Ausnahmefälle sein Handy dabei, hat man garantiert die Telefonnummer, die schnelle Hilfe bringen könnte, vergessen. Das ist ganz normal. Wer hat schon im Stress eines Notfalles die Nummer des Experten im Kopf, der einem vor dem Angriff eines weißen Hais oder Stefan Raab (bzw. s.o. und n.Z.) retten könnte? Vorsicht! Bevor Sie angeberisch „Ich“ rufen, gegen den Schwachsinn von Stefan Raab (bzw. einem Spitzenfunktionär einer der C-Parteien) gibt es überhaupt keine Hilfe.
3. Bewahrt man in der Gefahrenklasse I einer lebens- oder verstandesbedrohenden Situation einen derart kühlen Kopf, dass man die Notrufnummer auswendig aufsagen kann, hat man mit Sicherheit vergessen, wie man beim Handy online kommt. Die Bedienungsanleitung zu enträtseln fällt in solchen Situationen unter die Rubrik „kaum lösbare Aufgabe“. Einen Publikumsjoker gibt es beim Sammeln von wilden Beeren mit einem außergewöhnlich hohen Gehalt an Vitaminen in den Rocky Mountains nicht. Das ist ganz normal. Es ist viel einfacher Goethe aus dem Bücherregal zu ziehen, sofort ist man online. Goethe ist simpler als ein Handy.
4. Lässt einem der weiße Hai oder Stefan Raab (bzw. s.o.) gnädigerweise genügend Zeit um den einschlägigen Teil der Betriebsanleitung zu entschlüsseln, muss man feststellen, dass der Akku leer ist. Das soll sogar bei alterfahrenen Ehepaaren vorkommen. Es handelt sich bei diesem Phänomen um den wesentlichen Unterschied zwischen einem Handy und Johann Wolfgang von, dieser ist auch ohne Akku downzuladen. Ansonsten ist noch anzumerken, dass auch ein betriebsbereiter Johann Wolfgang von weder vor einem weißen Hai noch vor Stefan Raab schützt. Was übrigens auch die triftige Erklärung dafür liefert, dass man sinnvollerweise Goethe nicht im Rucksack mit sich herumschleppt, wenn man in den Rocky Mountains wilde Beeren mit einem außergewöhnlich hohen Vitamingehalt sammelt. Mineralwasser ist hilfreicher als Johann Wolfgang von Goethe.
p.s. Vielleicht interessiert es Sie, wie ich der bedrohlichen Gefahr in den Rocky Mountains entronnen bin? Nun, ich habe laut gerufen: „Ich liefere keine ökologisch-biodynamische Kost!“
Der weiße Hai wandte sich ab und Stefan Raab weinte bitterlich. Der wilde Bär trotte davon, um wilde Beeren, die an meinem Standort nicht wuchsen, zu suchen.
jupp
