Vielleicht diesmal




Belletristik und Lyrik aller Art

Vielleicht diesmal

Beitragvon gnies.retniw » So 9. Jun 2013, 09:23

Vielleicht diesmal

Herr K. sitzt auf einem Baum. Er ist fünfzig, hatte einige Mühe, die alte Weide zu erklimmen. Doch nun sitzt er hier, schaut übers Land, sein Land, und denkt über das Leben nach, sein Leben. Hier oben lässt sich's gut aushalten, das nächste Mal wird er sich jedoch eine Decke mitnehmen müssen, denkt er. Jetzt sitzt er hier und ist's zufrieden. Vorerst. Denn irgendwann muss er wieder runter, ins Haus, zur Frau. Der Alltag wird ihn einholen, unerbittlich. Alltag! Alle Tage das Gleiche, alle Tage dasselbe, alle Träume aufgebraucht ... Wenn das eine Midlife-Crisis ist, denkt er, na dann Prost Mahlzeit! Denn das bedeutet ja *Krise in der Mitte des Lebens*. Was fängt er mit der anderen Hälfte an? Viele Gedanken, die sich zu Fragen formen, keine Antworten. Vielleicht findet er sie hier, die Antworten, hier auf dem Baum.

Die Frau unten im Haus war ihm fremd geworden. Sie liefen im Alltag nebeneinander her. Keiner hatte dem anderen mehr etwas zu sagen; sie tauschten nur noch die notwendigsten Informationen miteinander aus. Gefühle blieben dabei außen vor. Die Einsamkeit, die er mit ihr im Haus spürte, empfindet er hier auf dem Baum nicht. Hier fühlt er sich frei. Frei von Zwängen, frei von der Verlogenheit des Alltags. Das merkt er jetzt, als er auf diesem Baum sitzt. Er wird sich das nächste Mal unbedingt eine Decke mitbringen müssen.

Während Herr K. noch auf der alten Weide sitzt und über sein Leben nachdenkt, denkt Frau K. auch nach. Jedoch nicht über das Leben ihres Mannes, sondern darüber, ob sie ihr eigenes beendet. Sie sitzt in ihrem tiefen Tal, Sinnlosigkeit hat sie erfasst. Sie steht hilflos in ihrer Küche herum und denkt an die wohl behüteten Tabletten in ihrem Nachtschränkchen. Sie gießt sich ein Glas Wasser ein, aber etwas hindert sie daran, ins Schlafzimmer zu gehen, dorthin, wo die erlösenden Tabletten liegen. Das Glas Wasser in ihrer Hand betrachtend, schweifen nun ihre Gedanken ab. Der Mann war ihr fremd geworden. Der Alltag entpuppte sich als ein Nebeneinander. Das Gesagte war lediglich ein Produkt von Banalitäten. Jedem blieben die Gefühle des Anderen verborgen. Die Einsamkeit, die sie spürt, konserviert sich als Kälte in den Wänden und prallt von da knallhart zu ihr zurück. Die Tabletten. Werden sie reichen? Oder lieber noch warten und das Unausweichliche auf später verschieben? Sie bleibt unschlüssig mit dem Glas Wasser in der Hand in der Küche stehen.

Herrn K. fröstelt leicht, aber die Intensität seiner Gedanken lassen ihn dies kaum spüren. Während er das Haus, sein Haus, betrachtet, schweifen seine Erinnerungen in die Ferne. Gestern hatte er noch freundliche Gesellschaft. Jetzt liegt sein Hund neben dieser alten Weide begraben. Der Hund war das einzige Lebewesen in seinem Haus, mit welchem er gerne seine Zeit verbrachte. Herr K. denkt an die vielen gemeinsamen Spaziergänge, die hinaus in die Felder hinter dem Haus führten. Ein kurzes Lächeln der Erinnerung huscht über sein Gesicht.

Als der Hund starb, erfasste Frau K. ebenfalls Trauer über den Verlust des Tieres, aber auch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass der Mann an ihrer Seite bemerken würde, dass es neben dem Hund noch ein weiteres Lebewesen im Haus gab. Sie stellt sich vor, wie sie, Mann und Frau, gemeinsam über die Felder hinter dem Haus spazieren gehen. Während diese Vorstellung ihr ein kurzes Lächeln ins Gesicht zaubert, fröstelt sie leicht.

Die Frau wirft einen Blick auf das Glas Wasser in ihrer Hand. Ohne nachzudenken, schaltet sie das Radio ein. Gerade läuft Werbung, für dies und das. Den Inhalt der Worte erfasst sie nicht. Nur ein Satz bleibt haften: „Folge deinem eigenen Stern!“ Der Satz beginnt in ihrem Gehirn zu hämmern. Sie geht Richtung Schlafzimmer und denkt nur noch dies: Folge deinem eigenen Stern.

Herr K. sitzt in seinem Baum - einer Weide. Seine Gedanken töten die Zeit. Eine Decke wäre gut. Aber was ist eine Decke gegen diesen Moment des Glücks. Diesen Augenblick festhalten. Ist das Freiheit? Als er gestern in die Stadt fuhr, sah er auf einem großen Werbeplakat den Slogan eines Autoherstellers. „Folge deinem eigenen Stern!“ Das fällt ihm nun wieder ein. Während er über diesen Satz nachdenkt, breitet er die Arm aus und fliegt. Er folgt seinem eigenen Stern.

Das Radio brüllt seine Botschaften in die Welt hinaus; die Weide wiegt im Takt dazu. Das Gehöft ist menschenleer; nur der Hund liegt in seinem Grab.

Liebe Grüße von Signe
"Die Sonne der Kultur steht niedrig. Wen wundert's, dass Zwerge lange Schatten werfen."
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Re: Vielleicht diesmal

Beitragvon jupp » Mi 12. Jun 2013, 10:13

Die Routine des Alltags, ohne Zweifel gibt es die. „Alle Tage das Gleiche, alle Tage dasselbe, alle Träume aufgebraucht.“ Das Problem ist meines Erachtens nicht, dass es die Routine unabwendbar gibt, sondern wie ich damit umgehe. Epiktet sagt es allen Psychojammerern sehr deutlich: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Vorstellung von den Dingen.“ Bald 2000 Jahre alt ist die Diagnose der häufigsten Ursache von Stress: die unrealistische Erwartung.

Das Leben ist zu 80 % (als ungefähre Größe, nicht als genaue Zahl) Routine, sowohl das Leben als Individuum als auch das Leben als Mitglied der Gesellschaft (Beruf). So ist es. Den Zustand nicht zu akzeptieren ist zwecklos, vielleicht sogar töricht: das Chaos wäre womöglich die Alternative. Zudem, wäre jeder Tag ein Event, das Event würde schnell zur langweiligen Routine. (Wie der ständige Protest in Deutschland, wenn sich nicht wieder ein paar Frauen ausziehen, findet er kaum noch den Weg in die Presse.)

Soziologen meinen, entweder gehe nach etwa vier Jahren in einer exclusiven Beziehung Verliebtheit in Liebe über oder die Beziehung sei gescheitert. Wenn dann festgestellt wird: „Die Frau unten im Haus war ihm fremd geworden. Sie liefen im Alltag nebeneinander her“ ist wohl der Übergang zur Liebe mit der Routine des Alltags im Begleitgepäck nicht gelungen. Wieder gibt Epiktet die Antwort auf die Frage, weshalb die Routine tödlich geworden ist.

Ist der Selbstmord oder ein kaum erträgliches Leben die zwangsläufige Folge?
(zufällig haben wir „Woche des Selbstmords“, Jurek Becker, Vielleicht diesmal, Ein Katastrophentag) Ich meine: Nein. Bisher ging es nur um die „80%“ Doch die restlichen „20%“ sind das Entscheidende. Sie sind das Salz in der Suppe. Lasse ich mich routinemäßig berieseln oder finde ich nach den Nachrichten den Aus-Knopf? Entwickle und lebe ich meine Potentiale als Individuum oder gesellschaftliches Wesen, die von mir und meiner Umgebung nicht abgerufen werden, oder verkümmere und versaure ich? In diesem Sinn: „Folge deinem eigenen Stern!“

Jurek Becker sagt in Jakob der Lügner Seite 34: „Hört auf, euch das Leben zu nehmen, bald werdet ihr es wieder brauchen. Hört auf, keine Hoffnung zu haben, die Tage unseres Jammers sind gezählt. Strengt euch an zu überleben, ihr habt doch Übung darin, ihr kennt doch all die tausend Tricks, mit denen man den Tod ins Leere schlagen lässt, ihr habt es doch bis heute geschafft.“
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
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Re: Vielleicht diesmal

Beitragvon gnies.retniw » Mi 12. Jun 2013, 21:20

Routine, Erwartung, Selbstmord und Freitod

Lieber Jupp,

die Routine ist es in unserem Leben, die uns (auch) Sicherheit gibt. So wie du schreibst, wäre es auch nur noch Routine, wenn jeder Tag ein Event-Tag wäre. Du schreibst mir aus dem Herzen, dass es in der Tat auf jeden selbst ankommt, wie er mit der Routine umgeht. Man kann sich hinein"steigern" und davon erschlagen werden, man kann sie auch als das nehmen, was sie ist: Routine.

Es sind wohl nicht nur die unrealistischen Erwartungen, die uns Stress machen, weil wir enttäuscht sind, wenn die Erwartung nicht erfüllt wurde. Aber wie kann mein Gegenüber meine Erwartungen erfüllen? Er kann mit Sicherheit nicht hellsehen und auch nicht in meinem Kopf. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erwartung eins zu eins erfüllt werden kann, geht gegen Null. Seitdem ich mir das klar gemacht habe, lebe ich stressfreier.

Selbstmord ist aus meiner Sicht jedenfalls keine Lösung, um Probleme zu lösen. Jedoch unterscheide ich mittlerweile zwischen Selbstmord und Freitod. Während der Selbstmord, der aus Verzweiflung über irgendetwas zumeist betrieben wird, für mich keine Option ist und auch niemals war; empfinde ich den Gedanken an einen Freitod befreiend. So wie man selbstbestimmt sein Leben lebte, wählt man selbstbestimmt den Tod. Das ist mein Gedanke dahinter. Dabei geht es weniger um den festen Vorsatz, als um die Option, die gedankliche, die man dabei hat.

Der Tod meiner Hündin, bei dem ich anwesend war, hat mich mit großer Demut erfüllt: Der Übergang vom Leben zum Tod, vom Heben und Senken des Brustkorbes und dessen Stillstand in der nächsten Sekunde ... Es war ein guter Moment!

Lieben Gruß von Signe
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