Verbale Inkontinenz




Belletristik und Lyrik aller Art

Verbale Inkontinenz

Beitragvon jupp » So 3. Feb 2019, 17:10

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VERBALE INKONTINENZ
die grassierende Volksseuche

Keine Karikatur ist so ätzend wie die 63-jährige Orangenhaut im Minirock und Bauchfreitop,
in Begleitung eines 64-jährigen Pubertierbubis in Cowboystiefeln mit Ziernähten und einer
Holzperlenkette um den Hals.

Kaum war die Nachmittagssonne, die arm und reich so niedlich beschien, hinter einer Schnee verheißenden Wolkenformation verschwunden, lehnte sich meine liebe Frau Jessica, in dieser Position treiben wir es öfter, an meine Schulter, die augenblicklich sehr breit und stark wurde. Ein Phänomen, das man sonst im Alltag nicht beobachten kann. Aus den von ihr angesichts des Monitors neben meinem PC abgesonderten Geräuschen schloss ich, dass sie einer web 2.0 promotion für die deutsche Sprache teilhaftig werden wollte. Was soll man auch sonst beim Surfen im web 2.0 erwarten? Richtig, sie las mit bebender Stimme von meinem Monitor, was philosophchen58 dort hinterlassen hatte:

„Hi, hi! *lieb*
Mir du aus der Seele gesprochen ;-)
Michausschüttvorgrins lol“
philosophchen58

„Josef“, rief sie mit einem sehr fragenden Blick in den Augen – so wollte es mir scheinen -, „was muss ich denn da wahrnehmen? Du hast mir verheimlicht, dass Du eine neue Sprache lernen willst. Ich tippe auf Ozeanien oder einen Dialekt in der Inneren Mongolei.“ Ehrlich gesagt, ich war in diesem Moment von der konzisen Analyse überrascht, die Jessica vor meinen Sinnen ausbreitete.
„Fast genau getroffen, Jessica, das ist modernes Deutsch.“
„Deu – t – sch?“ Jessica - selten habe ich sie derart vom Kopf bis zum Fuß entgeistert wahrgenommen -, gestaltete ihre Gesichtszüge zu einer Formation, die ohne jeden Zweifel ihren Zweifel am derzeitigen Verlust des Vertrauens in meine Zurechnungsfähigkeit offenbarte.
„Du musst intensiv weiterlesen“, ich baute ihr eine Brücke, um wieder zu klaren Sinnen zu kommen, „intensiv, um die Neuerung, die uns die Moderne bringt, hinterfragen zu können. Die philosophchen58 gewinnen mit diesem authentischen Sprachgestus ihre feinstoffliche Identität. Spürst Du nicht, es ist doch mit den Händen zu greifen, in dieser sichtlich exorbitanten Verzwergung der cortikalen Füllmasse mit ihrer phänotypischen Bulumie, die ihr in ihre Liftvisage eingegraben ist, erweist sich ihr stupendes Zeug zum alternden Serienstar.“
Zwar mit einem gottergebenen Augenaufschlag, aber folgsam gegenüber meinen wohlmeinenden Worten, nahm Jessica, nun zur Abwechslung herzchen47 zitierend, ihre Fortbildungslektüre wieder auf.

“grummel, sabber, sabber,
hilflos schau achselzuck und hinnehm,
mich for lach nass macht“
herzchen47

Kaum hatte ich die von Jessica zitierten Laute vernommen, überfiel mich ein wahnsinnig juveniles feeling gleich einer endogenen Lücke in der intellektuellen Grundausstattung. „Ey, Alde, das find ich echd total witzig. Das isch ein must, hab ich gelesen, floor speach mit dem oritschinel flow …“
„Josef! Hast Du was getrunken? Hör mir ein paar Sekunden mit Verstand zu. Das pubertäre Geseire meiner postmenopäusigen Leidensschwestern philosophchen58 und herzchen47 hört sich an, als ob sie zum Gebrabbel ihrer Krabbelgruppe regrediert wä …“ Mit Schrecken gewahrte ich, dass Jessica die Farbe aus dem Gesicht wich und sie zu Boden sinken drohte. „Josef … “, hauchte sie, „Josef hil …“
„Mein Liebling, wie kann ich Dir unter die Arme greifen?“
„Ich brau … dringend …“
„… was brauchst Du? …“
„Josef, einen Doppelten!“
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
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