Spätherbstliche Elegie




Belletristik und Lyrik aller Art

Spätherbstliche Elegie

Beitragvon jupp » Fr 1. Nov 2019, 10:36

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SPÄTHERBSTLICHE ELEGIE

Brutal&hässlich weist im Bad der Spiegel aus:
Dir, Alter, fallen büschelweise Haare aus.
Statt eigenproduzierte Zähne putzt Du jetzt Prothesen.
Doch tröste Dich, die werden später nicht verwesen.
„Im Alter reift der Wein!“ Geplapper von Idioten,
hast Bluthochdruck, vom Arzt erbarmungslos verboten.

Mürb geworden wellen sich in Herbstesspäten
sowohl im Hausflur wie im Klo Papiertapeten.

In Spätherbstnächten werden Dir die Kutteln kalt.
So isses halt.


Musst Dich mit dem Verfall einst eherner Systeme quälen,
denkst heimlich gar daran, die CDU zu wählen.
Der eine leidet unter kleingemusterten Verwandten,
dem andern kommt der Glaube an den Lieben Gott abhanden.
Der gesunde deutsche Bauer! Ach er lügt,
wenn er säckeweise Chemikalien in den Acker pflügt.

Selbst der straffe Rainfarn lässt sein leuchtend Gelb,
da im Herbst die frohe Sommerwelt zusammenfällt.

Verloren, wer sich blinden Auges an den Sommer krallt.
So isses halt.

Mit jungem Aug hast das schmale Reh Du wonnevoll genossen,
die rings ums Nasenbein verstreuten Sommersprossen.
Der späte Herbst zwingt Dich in die Erkenntniskelter:
nicht die Models werden immer jünger, Du wirst älter.
Wohin dein herbstlich-trübes Auge schaut:
Orangenhaut, Orangenhaut.

Der Buchen Laub ist lang schon fertig mit verfärben.
Dein Kontostand rückt in das Blickfeld Deiner Erben.

Ein Tor, der hofft, dass ihm im Herbst noch Unbeschwertheit wallt.
So isses halt.


Ein halbseniler Alter sucht noch mal vermeintlich Glück
bei einem luderblonden, silikongespritzten Filetstück.
Das moniert nicht seinen feisten Wabbelbauch,
den müde abgedrehten Gartenschlauch am Unterbauch.
Sie stört es nicht, dass er schon in Gelenken gichtig,
das Promiflittchen denkt ans Erbe. Also längerfristig.

Schwarze Amseln suchen reife Vogelbeeren zum Verspeisen.
Der Winter naht, mein lieber Alter, bald wirst Du verreisen.


Debil der Alte, der noch nicht sein Alter nicht schnallt.
So isses halt.

Feuchte Nebelschwaden füllen nachts das Tal.
Und Du spinnst Märchen. Ach: „Es war einmal.“
Im Kamin das Birkenscheit wärmt nicht mehr von innen.
Auch Du, mein Alter, wirst der weiten Reise nicht entrinnen.
Pack in warme wollne Decken Deine Faltenhaut.
Bald wird das Schwein zu Wurst zum Sauerkraut.

Des Herbstes Blumen in den Matten welken.
Der Friedhofsgärtner züchtet weiße Nelken.


Händels „Largo“ leis im Raum verhallt.
So isses halt.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
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Re: Spätherbstliche Elegie

Beitragvon gnies.retniw » Sa 2. Nov 2019, 09:56

Lieber Jupp,

ein bitter-böser Blick aufs Altern, gegen den Mainstream von glücklichen und fitten Alten, gespickt mit saftiger Ironie.

Besonders gefällt mir dieses:

Musst Dich mit dem Verfall einst eherner Systeme quälen,
denkst heimlich gar daran, die CDU zu wählen.


Der eine leidet unter kleingemusterten Verwandten


nicht die Models werden immer jünger, Du wirst älter.
Wohin dein herbstlich-trübes Auge schaut:
Orangenhaut, Orangenhaut.


Dein Kontostand rückt in das Blickfeld Deiner Erben


Sie stört es nicht, dass er schon in Gelenken gichtig,
das Promiflittchen denkt ans Erbe. Also längerfristig.
"Die Sonne der Kultur steht niedrig. Wen wundert's, dass Zwerge lange Schatten werfen."
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Re: Spätherbstliche Elegie

Beitragvon jupp » Sa 2. Nov 2019, 19:39

Liebe Signe,

die einzelnen Motive sind aus dem Leben gegriffen und durchweg repräsentiv, keine Einzelfälle. Kaum jemand akzeptiert sein Alter mit seinen Einschränkungen. Dabei geht es uns Alten doch sehr gut. Wer hätte vor 50 Jahren eine solche Versorgung erträumt? Jetzt ist sie da und viele sind unzufrieden.

Herzliche Grüße
Jupp
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Re: Spätherbstliche Elegie

Beitragvon gnies.retniw » Sa 2. Nov 2019, 22:27

Lieber Jupp,

das Jammern auf hohem Niveau zieht sich ja durch ALLE gesellschaftlichen Sphären der deutschen Republik. Wenigstens das ist nach 30 Jahren Einheit einheitlich.

meint Signe
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