... Leben und Sterben
„Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel!“, sagt der Volksmund. Für unsere Hemisphäre stimmt dieser Ausspruch wohl kaum noch, denkt Sir Brixelot. Als dieser Spruch seine Berechtigung hatte, gab es noch keine Beerdigungsinstitute, die den Lebenden das Fell über die Ohren ziehen, um ihre Toten bestatten zu können.
Und überhaupt, sollte das Motto nicht eher sein, statt des Grabes den Menschen zu pflegen, solange er noch lebt? Das gestaltet sich jedoch immer schwieriger, weil in diesem Bereich die Industrialisierung eingesetzt hat, wo früher die Großfamilie - ganz selbstverständlich - gewirkt hat. Die gibt es aber kaum noch. Wohin also mit den pflegebedürftigen Eltern? Der Leser denkt: Industrialisierung, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Nein!, meint Sir Brixelot. Pflegeheime sind ein Wirtschaftsfaktor; sie sind marktwirtschaftlichen Aspekten unterworfen, denn es geht um den Mehrwert. Den haben jedoch selten die Pflegebedürftigen, noch deren Angehörige, geschweige denn das Personal. Das ist nicht ausreichend vorhanden und arbeitet wie am Fließband. Vom Leben und Sterben ...
Zum Leben zu wenig, sagen Einige in Deutschland und meinen den Hartz-IV-Empfänger. Was kann ein Staat leisten? Da sind Zahlenspiele und Statistiken hilfreich, denkt der Bürger. „Wir sind die 99 Prozent!“, sagte die Occupy-Bewegung in der Wall Street. Und meinten mit dieser Zahl, dass sie die Mehrheit der Menschen sind, die am Gesamtvolumen des Reichtums keinen Anteil haben. „Stimmt!“, denkt der Bürger, „da gehöre ich auch zu.“ Eine andere Statistik spricht nicht von Reichtum, sondern setzt andere Parameter für die Messung von Wohlstand ein: Täglicher Zugang zu Trinkwasser, täglich ein Dach über dem Kopf, eine Mahlzeit am Tag. Nicht mehr, nicht weniger. Der überwiegende Teil der Weltbevölkerung hat diese drei - uns völlig normal erscheinenden - Dinge nicht und laut Studie haben dies auch nur zirka sieben bis acht Prozent der Weltbevölkerung täglich. In diesem Kontext erscheint der Satz Philipp Röslers zum Armutsbericht 2013, dass es der Gesamtheit der Deutschen noch nie so gut ging wie heute, in einem anderen Licht. Wie so oft: Der Blickwinkel ist entscheidend. Denn auch wenn der am Existenzminimum lebende Mensch nicht in dieser Gesellschaft privilegiert ist, gehört er im Weltmaßstab zu den Privilegiert(er)en. Er selbst mag das jedoch nicht so sehen, denn er hätte gerne Teilhabe am Wohlstand seines Landes. Verständlich, dass einem das eigene Leid näher ist, als das fremde. Oder?
Wie ist es mit dem täglichen Sterben von Menschen, welches wir permanent in den Medien verfolgen können? Berührt es uns? Ja? Vielleicht? Motiviert es uns, etwas zu verändern? Nein? Vielleicht? Der Tod des eigenen Hundes geht uns mehr unter die Haut, als das Sterben in Nahost und anderswo. Klar, den eigenen Hund kannten wir ja schließlich. Und die Medien sind voll vom Sterben, mittlerweile in 3D. Empathie mit den sterbenden oder in Armut lebenden Menschen gibt es einmal im Jahr, pünktlich zur Weihnachtszeit, wenn der Spendenmarathon auf allen Sendern läuft. Aber bitte nur zur Weihnachtszeit! Aber bitte keine Wirtschaftsflüchtlinge in der Nachbarschaft. Können die nicht in ihrem Land bleiben? Schöne heuchlerische Welt auf Kosten derer, die sowieso nichts haben, nicht mal eine Stimme ... Wie gut, dass wir zu den acht Prozent gehören, die ein Dach über dem Kopf haben, die über ausreichend (Trink)Wasser verfügen und einmal am Tag etwas zu essen haben. Wie gut! Vom Sterben. Vom Leben.
Kafka meinte: „Die Bedeutung des Lebens liegt darin, dass es endet.“ Zum Leben gehört das Sterben dazu, sagt man. Aber schön wäre es doch, wenn wir ewig leben könnten. Der Trost der Armen ist es, dass sich die Reichen ein ewiges Leben auch nicht kaufen können. Bis jetzt ist das jedenfalls noch so. Denn die Forschung versucht seit Menschengedenken den Code des ewigen Lebens zu knacken. Mutter Natur lächelt darüber müde – sie hat diesen Code bereits umgesetzt. Es gibt Lebewesen, die ewig leben (können). Das Wimperntierchen ist unsterblich, weil es sich unendlich oft teilen kann. Und das geht so: Die Chromosomen sind die Träger der Erbinformation in der Zelle. Der Verlust von Chromosomenstücken, der bei jeder Teilung vonstatten geht, wird durch ein gut funktionierendes Reparatursystem ausgehebelt. (Und zwar in der Endlosschleife.) Ein anderes Konstrukt entwickelte ein Süßwasserpolyp, der direkt vor unserer Haustür in heimischen Gewässern lebt. Die Unsterblichkeit der Hydra, so heißt der Wasserpolyp, beruht auf dem Prinzip des Sterbens. Dieses Tier repariert keine schadhaften Zellen, sondern tötet sie ab und ersetzt sie in ungeahnter Geschwindigkeit. (Und das alle fünf Tage.)
Da staunt der Mensch und darf sich fragen, ob seine Höherentwicklung, auf die er so gerne mit Stolz verweist, wirklich so grandios ist. Die Unsterblichkeit durch Sterben ist Helden vorbehalten, und die sind dann tatsächlich tot. Auch die Unsterblichkeit durch Teilen ist dem Menschen nicht fremd: Leider praktiziert er dies zu selten oder nicht konsequent genug. Seien wir ehrlich: Der Tod oder die Tatsache, dass wir sterben (werden), macht uns Menschen (manchmal) demütig. Oft befähigt uns erst die gefühlte Nähe des Todes, inne zu halten und das eigene Lebenskonzept zu überdenken. Und vor Alter zu sterben ist relativ neu in der Menschheitsgeschichte; das vergessen wir allzu gerne, wir Privilegierten. Brecht sagt: „Nicht weniger als die Bedrohung mit dem Tode ist für gewöhnlich nötig, einen Menschen von dem abzuhalten, zu was ihn sein Verstand gebracht hat, diese gefährlichste aller Gaben des Allmächtigen.“
Und deshalb meint Sir Brixelot: Schön kritisch bleiben! Und ... es bleibt ja noch die Hoffnung, im nächsten Leben ein Wimperntierchen zu sein ...
Lieben Gruß von Signe
