Sir Brixelot denkt nach über ...




Belletristik und Lyrik aller Art

Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon gnies.retniw » Mo 22. Apr 2013, 22:31

... Gut und Böse

Wer ist gut und was ist böse? Dieser Frage geht Sir Brixelot in seiner kleinen Kolumne nach, denn oft scheint klar zu sein, welche Seite *gut* und welche Seite *böse* ist.

Nun gilt er, Axel Cäsar Springer, der Zeitungsverleger, seit den Unruhen 1967 und dem Tod von Benno Ohnesorg, als der Buhmann schlechthin. Den Zeitungen des Axel Springer Verlages wird seither nachgesagt, dass sie in der Medienlandschaft zentraler Dreh- und Angelpunkt von Hetzkampagnen und Manipulationen sind. Die bekannteste Tageszeitung dieses Verlages ist die „Bild“. Ja, genau, die, die keiner kauft, geschweige denn liest, die aber täglich mehrere Millionen Auflage hat. Zum 100. Geburtstag des erfolgreichsten Verlegers Deutschlands im Mai bemüht sich die mediale Öffentlichkeit um mehr Differenzierung der Persönlichkeit Springers. Jetzt wird Axel Cäsar Springer auch schon mal *Visionär* und *Der Widersprüchliche* genannt und seine Liebe zu Israel erwähnt.

Diese Liebe des umstrittenen Verlegers wird medial besonders hervorgehoben, als der Dichter Günther Grass sich im April erlaubt zu sagen, „Was gesagt werden muss“. Grass als Buhmann? Aufgrund dieses umstrittenen Grass-Gedichtes tritt Anfang Mai der Dramatiker Rolf Hochhuth aus der Akademie der Künste aus, mit der Begründung: „Ich weigere mich zwischen Antisemiten zu sitzen." und Mitte Mai wird auf der Jahresversammlung der Schriftstellervereinigung des PEN-Zentrums Deutschland beschlossen, dass Grass Ehrenpräsident bleibt. Die offizielle Begründung für diese Entscheidung bezieht sich auf die Freiheit des Wortes, der man sich verschrieben habe. Hochhuth als Buhmann?

Auch bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises 2012 verwischen die Grenzen von gut und böse. Diese Auszeichnung gilt als wichtigster deutscher Preis für Qualitätsjournalismus. Die Jury entschloss sich neben drei Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“ auch zwei „Bild“-Reportern diesen Preis in der Kategorie *Investigation* zu verleihen. Die Journalisten der „Süddeutschen“ sollten die Auszeichnung für ihre Berichte über die BayernLB im Zusammenhang mit der Formel 1 verliehen bekommen. Die „Bild“-Reporter wurden für ihre Recherche und Publikationen über den Privatkredit des Bundespräsidenten Wulff geehrt. Die Journalisten der „Süddeutschen“ lehnen ihre Auszeichnung ab, weil sie sich den Preis nicht mit einem Boulevard-Blatt teilen wollten. So wurde nur ein Preis in dieser Kategorie verliehen, nämlich an die „Bild“-Reporter, denn, so die Begründung der Jury, es werde die investigative Leistung geehrt und nicht das Medium. Damit schließt sich der Kreis! Investigativer Journalismus vs. Boulevard-Journalismus? „Bild“-Reporter als die Guten?

Auch wenn das Schwarz-Weiß-Denken zweifarbig aussieht, ist es dennoch eindimensional. Da hält Sir Brixelot es doch lieber mit Brecht: „Mir ist jede Farbe recht, Hauptsache sie ist grau.“

Und schön kritisch bleiben, meint Sir Brixelot!
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Re: Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon jupp » Di 23. Apr 2013, 14:39

Liebe Sir Brixelot,

Deiner Aussage „oft scheint klar zu sein, welche Seite *gut* und welche Seite *böse* ist.“ kann ich nur zustimmen. Ich will sie noch verstärken und verallgemeinern.
Haydn lässt in seinem Oratorium ‚Die Schöpfung’ singen: „und Gott schied das Licht von der Finsternis“. Von Anfang an ist das kurzatmige und bewertende Denken vom Gegensatz Licht-Finsternis, gut-böse in den Köpfen. Denken wir etwa an die Zauberflöte, das von den braunen Arschlöchern betriebene Ausmerzen, die Kriege der USA seit 1950. Die Folgen dieses unseligen Denkens sind Leid und Verwüstung in unerträglichem Ausmaß.

Der Gegensatz zum wertenden gut-böse wäre das Denken – ich denke an Lessing – auf der Faktenebene. Auch andere haben ein Stück Wahrheit, es geht auch anders. Ich denke an echtes Multi Kulti, nicht die Folklore mit besticktem Rock, grünem Tee, Klezmermusik und Räucherstäbchen. Die Episode Grass – Hochhuth, die Du schilderst, zeigt, dass die Köpfe auch der Großkopferten noch mit alter Denke gefüllt sind. Im Fall von Süddeutscher versus BLÖD kommt der Hochmut der pfauenden Edelfedern hinzu.
Gefordert als Grundlage des „anders Denken“ sind Toleranz, ja Akzeptanz. Sie schließen Kritik nicht aus, sie ermöglichen erst Streitkultur: die streitige Argumentation zur Sache statt Gezänk, Kritikasterei, Argumentation ad personam. Gefordert ist auch das Denken Brechts: „Mir ist jede Farbe recht, Hauptsache sie ist grau.“

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Re: Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon gnies.retniw » Di 23. Apr 2013, 23:25

Lieber Jupp,

seit ich Watzlawick las, versuche ich, möglichst wenig Wertung in mein Denken einfließen zu lassen. Das gelingt nicht immer, zum Teil doch, denn es hat etwas mit dem *Wollen* zu tun, wie ich finde.

Jüngst im Satiregipfel sah ich einen Beitrag von Andreas Rebers, der auch gut zu unseren Gedanken passt:


http://www.youtube.com/watch?v=NDB1cyDuSBw

Was ich besonders interessant finde, ist, dass die Lacher gefrieren, als Rebers sich zum Prozess Beate Zschäpe äußert und vorschlägt, die Verhandlung doch gleich in die Türkei zu verlegen, "damit man ihnen ordentlich das Fell über die Ohren zieht ..." und als er meint, das bekannte Bild der drei Mundlos, Böhnhardt und Zschärpe sähe aus wie im Mai 1945 fotografiert ...

Lieben Gruß von Signe
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Re: Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon jupp » Fr 26. Apr 2013, 14:14

Liebe Signe,

klasse! Watzlawick mahnt, in der Kommunikation die „es-ist-Ebene“ und die Wertungsebene klar zu trennen. Wie anders ist die Praxis! Man schaue nur in die Plattformen im Internet, vor allem in die Wettbewerbe und Wortspiele. Ständig werden Schulnoten von 1 – 5 verteilt. Von Kind an werden wir zum Beurteilen erzogen. Das bedeutet kein Verbot des Beurteilens. Eine Grundidee des seriösen Journalismus ist da die Trennung von Bericht und Kommentar. Wo ist das eine, wo das andere angebracht? ist die Frage.
Hier wäre die Rolle der Satire – sie (ich auch) sagt ständig „So nicht!“ – zu diskutieren. Satire ist Aufklärung. Die utopische Funktion der Aufklärung schließt das kritische Urteil ein. Es ist geradezu für die Satire wesentlich, „So nicht!“ zu sagen.

Herzliche Grüße
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Re: Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon jupp » Fr 26. Apr 2013, 17:55

Liebe Signe,

ist es schon schlimm genug, dass die Türkei manchmal recht rabiate Methoden anwendet, um den Gang der Justiz zu beschleunigen, so ist es unerräglich, "als Rebers sich zum Prozess Beate Zschäpe äußert und vorschlägt, die Verhandlung doch gleich in die Türkei zu verlegen, "damit man ihnen ordentlich das Fell über die Ohren zieht ..." Wem bleibt da nicht das Lachen im Halse stecken? Rebers klärt auf, radikal die Verhältnisse der heutigen freiwilligen Helfer.
So muss meiner Meinung nach Satire sein.

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Re: Sir Brixelot denkt nach über ...

Beitragvon gnies.retniw » Sa 27. Apr 2013, 00:30

jupp hat geschrieben:Liebe Signe,

ist es schon schlimm genug, dass die Türkei manchmal recht rabiate Methoden anwendet, um den Gang der Justiz zu beschleunigen, so ist es unerräglich, "als Rebers sich zum Prozess Beate Zschäpe äußert und vorschlägt, die Verhandlung doch gleich in die Türkei zu verlegen, "damit man ihnen ordentlich das Fell über die Ohren zieht ..." Wem bleibt da nicht das Lachen im Halse stecken? Rebers klärt auf, radikal die Verhältnisse der heutigen freiwilligen Helfer.
So muss meiner Meinung nach Satire sein.

jupp


Lieber Jupp,

ja, schallend gelacht habe ich auch nicht. Mir schien das Publikum jedoch mit Rebers Satire überfordert, aber meine Wahrnehmung muss nicht stimmen. Denn er hat uns mit seiner Satire "voll in die Fresse gehauen". Damit reiht sich, für mich, Andreas Rebers in die Liga um Georg Schramm, Erwin Pelzig und Urban Priol ein. Die Erben von Dieter Hildebrandt ...

Lieben Gruß von Signe
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