Reporter-Ente trifft Rasenden Reporter




Belletristik und Lyrik aller Art

Reporter-Ente trifft Rasenden Reporter

Beitragvon gnies.retniw » Do 11. Jul 2013, 18:46

Von der Melantrichgasse in die weite Welt – Reporter-Ente trifft Rasenden Reporter

Per Telegramm erreicht Rudi Rastlos folgende Nachricht: Treffpunkt Altstadt Stop Melantrichgasse Stop Haus mit den zwei goldenen Bären Stop Gruß Egon Erwin Kisch.

Unverzüglich düst Rudi Rastlos in die Goldene Stadt, um dort als rasende Reporter-Ente den Rasenden Reporter zu treffen.
 
Rudi:
Lieber Leser, da stehe ich nun, wie verabredet, in der Altstadt von Prag.

Aber ich bin Zeitreisender. Es ist April 1885, ein warmer Frühlingstag und das Geburtsjahr von Egon. Die Zeitungen spekulieren, ob die Spannungen wegen der Krise um Afghanistan zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und England führen werden. Krise in Afghanistan? ... Bin ich wirklich Zeitreisender?

Zeitsprung.
 
Rudi:
Da steht er! Vor seinem Geburtshaus, dem Haus „Zu den zwei goldenen Bären“. Sofort erkenne ich ihn an seinem dunklen kurzen Haarschnitt und der Zigarette im Mundwinkel. Er lächelt ein wenig verschmitzt, als ich auf ihn zugehe. Hallo Egon! Freut mich sehr, dich zu treffen.

Egon Erwin Kisch:
Hallo Rudi. Schön, dass du her gefunden hast. Wollen wir ein wenig durch das Altstädter Viertel laufen?
 
Rudi:
Lieber Leser, wir laufen die Melantrichgasse hinunter, direkt auf den Altstädter Ring zu. Er ist der älteste und bedeutendste Platz des historischen Prags. Da ist das imposante gotische Altstädter Rathaus aus dem 15. Jahrhundert direkt vor uns. Egon und ich bleiben stehen, denn wie zu jeder vollen Stunde findet ein herrliches kleines Schauspiel statt. Die im 17. Jahrhundert um bewegliche Figuren ergänzte astronomische Uhr des Rathauses zeigt die bekannte Prozession der zwölf Apostel. Sie drehen sich brav nacheinander im Kreis und zeigen sich für wenige Momente dem in die Höhe schauenden Staunenden.
 
Egon Erwin Kisch:
Die berühmte Sonnenuhr des Altstädter Rathauses. Dem sinnreichen Ablauf der Planeten und den Versinnbildlichungen der Monate schenken täglich die vielen Betrachter weniger Beachtung als den Aposteln, die aus den Türchen rechts und links treten, wenn die Uhr die vollen Stunden schlägt.
 
Rudi:
Ja, und den Abschluss bildet der Tod und ein Hahnenschrei. Jetzt und auch in Zukunft wohl immer die gleiche Reaktion: Erschrockenes Gemurmel und erleichtertes Gelächter der Betrachtenden am Ende dieses Schauspiel. Auf deine Reportage „Unter den Uhren von Prag“ möchte ich gerne nachher noch einmal zu sprechen kommen.
 
Egon Erwin Kisch:
Lass uns weiterlaufen, an der ebenfalls gotischen Teinkirche vorbei und in die Pariser einbiegen, um in die Josefstadt, das alte Judenviertel, zu gelangen.
 
Rudi:
Gerne! Dann kannst du mir ein wenig über dich erzählen, z.B. wie du zum Schreiben gekommen bist. Das interessiert unsere Leser immer ganz besonders.

Egon Erwin Kisch:
Mein Vater Hermann, der mit seinem Bruder gemeinsam ein Tuchhändler-Geschäft hatte, überließ die Geschäfte gerne selbigem. Er liebte Bücher und die Literatur, schrieb selbst Gedichte, die er im Freundeskreis vortrug. Er besaß eine große Bibliothek; viele Journalisten und Schriftsteller gingen bei uns ein und aus. Verwandtschaftliche Verquickungen führen zu Goethe, Heine, Richard Wagner und Franz Liszt. Jüdische und deutsche Geschichte und Tradition spielten in meinem Vaterhaus eine wichtige Rolle.

Rudi:
Das Altstädter Viertel, die Winkel und krummen Gassen, die jüdischen Synagogen in der Josefstadt um die Ecke, dein Vaterhaus ... Das alles muss doch einen hier Heranwachsenden inspiriert haben?

Egon Erwin Kisch:
Ja, es ranken sich viele Geschichte um das Haus „Zu den zwei goldenen Bären“. Es wurde im 14. Jahrhundert erbaut und wurde immer wieder umgebaut, so dass es verschiedene Baustile in sich vereint. Es wird von unterirdischen Gängen, die zum Rathaus und zur Teinkirche führen sollen, erzählt. Mit diesen Geheimnissen und Geschichten wurde ich erwachsen. Sie wurden der Ausgangspunkt für viele Wege in die Welt und später Reportagen aus der Welt.

Rudi:
Wir haben heute die Pisa-Studien, die dem jeweiligen Land das Bildungsniveau ihrer Jugend vor Augen hält. Ein Musterknabe warst du nicht. Dein Vater beschloss, dich auf die erste deutsche Staatsrealschule in Prag zu schicken. Du schienst ihm weniger begabt als dein ältester Bruder.

Egon Erwin Kisch:
Diese Zurücksetzung schmerzte. Damals hatten es Realschüler schwerer, in der Öffentlichkeit anerkannt zu werden. Da mir ohne eine Gymnasialbildung der Zugang zu einer Universität verschlossen blieb, war mir dies Ansporn, der Welt meine Fähigkeiten zu beweisen. Meine schlechten Leistungen in Mathematik und Geometrie konnte ich nur durch hervorragende Ergebnisse in Deutsch und Fremdsprachen kompensieren und retteten mich einmal mehr vorm Sitzenbleiben.

Rudi:
Rege Phantasie und ein lebhaftes Temperament lassen dich sehr frühzeitig schriftstellerisch tätig sein.

Egon Erwin Kisch:
Berichte über Strafprozesse, die sehr detailliert in den Zeitungen standen, beschäftigten mich bereits als Neunjährigen. Als bei einem Mord ein jüdischer Trödler verhaftet und des Ritualmordes angeklagt wird, entsteht eine Pogromhetze. Da weiß ich, ich muss handeln! Und bin der Herausgeber meiner ersten eigenen Zeitung, die ich mit Hilfe eines Kinderdruckkastens erstelle, „zur Aufklärung der Massen“.

Rudi:
Lass uns links in die Maiselgasse einbiegen, damit wir direkt ins jüdische Viertel, die Josefstadt kommen, zu der du ja auch einen besonderen Bezug hast?
 
Egon Erwin Kisch:
Ja, die alte Josefstadt, die ich ja noch mit ihren baufälligen Häusern, den Trödlern, Antiquaren, den Kaschemmen, der Armut und den Prostituierten kenne, veränderte ihre ursprüngliche Gestalt erst, als ich bereits zehn Jahre alt war. Der alte jüdische Friedhof linkerhand von uns, auf dem das Grab des Rabbi Löw zu finden ist, und die Synagogen blieben erhalten. Rabbi Löw, die Legende des Golem und die Altneusynagoge sind für immer miteinander verknüpft. Sehr viel später schrieb ich als Rasender Reporter eine Reportage darüber und krabbelte eigens für diesen Zweck auf den Dachboden der Altneusynagoge, der angeblichen Heimstatt des Golem.
Rudi:
Hier neben der Hohen Synagoge, die gegenüber der Altneusynagoge steht, befindet sich das jüdische Rathaus. Dem aufmerksamen Leser deiner Reportage über die Uhren von Prag entgeht dieses Kuriosum des Rathauses nicht.
 
Egon Erwin Kisch:
Die Zeiger der jüdischen Rathausuhr gehen den Weg zurück, sie verlaufen von links nach rechts entlang eines Kreises, den die ersten zwölf Buchstaben des hebräischen Alphabets bilden, Zeichen der Zeit auch sie, aber einer längst vergangenen. Nur der Mann in Kaftan und Stirnlöckchen kennt sich da noch aus. Aber wer kennt sich denn in der neuen Zeit aus?
 
Rudi:
Damals wie heute ein schwieriges Unterfangen, dem Rhythmus der Zeit folgen können. Die Rathausuhr, sie hat dich offensichtlich schon in jungen Jahren fasziniert. Mit fünfzehn Jahren schriebst du ja bereits das Schauspiel „Die Rathausuhr“.
 
Egon Erwin Kisch:
Als Fünfzehnjähriger begann ich eigene Stücke, so auch dieses, zu schreiben. In diese Zeit fallen auch meine ersten lyrischen Produktionen. Meine Fertigkeiten beim Herstellen von Versen führte dazu, dass ich eigene Werke auf Kneipabenden vortrug. Das erste Gedicht, welches von mir gedruckt wurde, nannte als Autor Erwin Kisch, obwohl ich ja eigentlich Egon Kisch heiße. Von da an nannte ich mich dann einfach Egon Erwin Kisch. Übrigens brachte mir diese erste Veröffentlichung einen Haufen Ärger in der Schule ein, weil solcherlei Veröffentlichungen nicht erlaubt waren. Als mein mir verhasster Chemielehrer fragte, ob ich der Verfasser sei, verleugnete ich mein Werk und schob einen meiner Brüder vor. Worauf der Lehrer antwortete: „Ihr Bruder scheint ja Grips für die ganze Familie abbekommen zu haben. Ja, ja, manchmal findet sich in der gleichen Familie ein gescheiter Mensch und ein kompletter Trottel.“
 
Rudi:
Haha ... Nun ja, hättest du dein Werk nicht verleugnet, hätte dein Chemielehrer dich nicht als Trottel bezeichnen können, und du hättest uns diese wunderbare Anekdote nicht erzählen können ... Mit fünfzehn ein verkanntes Genie ... Aber auch eine andere Leidenschaft trieb dich um, die unsere fußballbegeisterten Leser wohl besonders erstaunen wird. Denn Fußball war in Mitteleuropa gerade heimisch geworden. Es gab zu jener Zeit kaum deutsche Bezeichnungen für die Regeln und die Akteure des Spiels. Das von Schule und Staat als *englische Krankheit* bezeichnete Spiel wurde als Rebellion gegen die alten Autoritäten verstanden.
 
Egon Erwin Kisch:
Alle Todesstrafen standen auf das Fußballspiel, alle Todesstrafen, die die Schule zu vergeben hat: strenges Prüfen, Karzer, Repetieren, Ausschluss.
Weh dem, der spielte! Und alle spielten. Was bedeuteten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen, zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen! Zweimal fünfunddreißig Minuten? Nein, uns schlug keine Stunde, uns pfiff kein Schiedsrichter Halftime und Time. Wir spielten von zwei Uhr nachmittags, bis der Abenddämmer das Feld belegte.
 
Rudi:
Die in deiner Jugend gemachten Erfahrungen und Erlebnisse spiegelten sich später auch in deinen vielen Reportagen aus aller Welt wider. Das kann jedoch der geneigte Leser selbst nachlesen, wenn du über „Fußball in Amerika“ schreibst oder darüber, wie du im heiligen Wasser badest, Australien eroberst, über „Zaren, Popen und Bolschewiken“ oder „China geheim“ berichtest.
 
Egon Erwin Kisch:
Ja, nichts ist erregender als die Wahrheit. Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und hat unbefangene Zeugenschaft zu liefern, so verlässlich, wie sich eine Aussage geben lässt.
 
Rudi:
Tja, das ist eine schöne Theorie über den Reporter im Allgemeinen. Manchmal muss die Wahrheit wohl dem Dichten weichen? Welche Wahl hat man als Volontär, der den ersten Auftrag erhält, nämlich über den Brand der Schittkauer Mühlen zu schreiben, und die Recherche nur ergibt, dass es brennt?
 
Egon Erwin Kisch:
Die Behandlung des Sujets birgt allerdings eine Alternative: Entweder man nimmt das Ereignis zum Ausgangspunkt für ein Phantasieprodukt (was ich getan), oder man bemüht sich, die Zusammenhänge und Details so zu ermitteln, dass das Ergebnis mindestens in gleichem Maße interessant ist wie das Phantasieprodukt (Ich hätte die Obdachlosenszene entdecken, nicht sie erfinden dürfen).
 
Rudi:
Nun immerhin ist deine Art, Dinge zu erfinden, die sich durchaus so hätten ereignen können, Diskussionsgrundlage vieler journalistischer Seminare. Und der Ruf nach Fakten?
 
Egon Erwin Kisch:
Was die anderen Reporter auf dem Brandplatz erfahren hatten, erfuhr ich [...] aus ihren Blättern. Sie hatten alle Details erhoben, die mir verschlossen waren. […] Nach einigen Berichten war das Feuer um acht Uhr sechzehn abends von einer in der Nähe wohnenden Metzgersgattin entdeckt worden, nach anderen Berichten Schlag neun Uhr abends von einem zufällig des Weges kommenden Bauern aus Südböhmen. Laut „Nationalzeitung“ war es die Löschmannschaft der Vorstadt Karolinenthal, die mit dem Spritzenmeister Soundso und zwei dreispännigen Dampfspritzen zuerst an der Brandstelle eintraf; der „Volksgemeinschaft“ zufolge aber war die Feuerwache Sokolstraße mit der neuen automatischen Feuerleiter als erste zur Stelle gewesen. […] In den meisten Blättern stand, der Brand sei auf dem ebenerdigen Schüttboden ausgebrochen, der bleiche Schnüffeles vom „Prager Tagblatt“ hatte jedoch erhoben, dass das Feuer im ersten Stockwerk mehr als eine Stunde lang gewütet und erst nachher die Räume im Parterre ergriffen habe.
 
Rudi:
Also ist ein Reporter doch kein unbefangener Zeitzeuge, ohne Standpunkt? ...
 
Du warst Kommunist, bist in der jungen Sowjetunion gewesen, hast Artikel und Bücher über den Fortschritt und die Ideen davon geschrieben ... Und hast nicht nur geschrieben, sondern auch im spanischen Bürgerkrieg gegen das Franco-Regime gekämpft ... und darüber wieder geschrieben, auch weil deine Kameraden dich baten: „Schreib das auf Kisch!“ Den Nazis warst du ein Dorn im Auge und nur die Flucht nach Mexiko rettete dir vermutlich das Leben ...
 
Egon Erwin Kisch:
Mein Vater und meine Mutter waren in Prag geboren. Niemals konnte ihnen in den Sinn kommen, dass einer ihrer Söhne den Totenspruch für sie in einer Gruppe von Indios [jüdischen Glaubens – Anm. der Autorin] sprechen werde, im Schatten der silbertragenden Berge von Pachuca. Meine Eltern, die ihr Leben im Bärenhaus der Prager Altstadt verbrachten, ahnten nicht, dass ihre Söhne einmal aus dem Bärenhaus verjagt sein würden, nach Mexiko der eine, nach Indien der andere und die beiden, die dem Hitlerterror nicht entfliehen konnten, in unbekannte Stätten unvorstellbaren Grauens ...
 
Rudi:
Rasender Reporter, Journalist, Schriftsteller, Propagandist, Globetrotter, Weltbürger und am Ende ein Überlebenskünstler?
 
Egon Erwin Kisch:
Weißt Du, mir kann eigentlich nichts passieren. Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Tscheche. Ich bin ein Jud. Ich bin aus gutem Hause. Ich bin Kommunist. Ich bin Corpsbursch. Etwas davon hilft mir immer.
 
Rudi:
Dein ungetrübter Glaube daran wirkt offensichtlich über deinen Tod hinaus. Die Bronzebüste auf deinem Grab wurde mehrmals gestohlen ... und wieder ersetzt. Ein Kriminalfall, ganz nach deinem Geschmack. Wer schreibt jetzt darüber eine Reportage? 
 
Egon Erwin Kisch:
Schreib das auf, Rudi!
 
Rudi:
Die rasende Reporter-Ente übernimmt ...
 
Während ich dies sage, ist Egon Erwin Kisch entschwunden; ich stehe allein vor dem Bären-Haus in der Melantrichgasse, noch den Geruch von Kischs Zigarette in der Nase und mache mich auf den Weg, damit Dichtung und Wahrheit eins werden können.
 
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Die bronzene Büste von Straschnitz – Ein Pitaval

Beitragvon gnies.retniw » Do 11. Jul 2013, 18:48

Die bronzene Büste von Straschnitz – Ein Pitaval

In den Medien ist 1992 zu lesen, dass Grabräuber die Büste des Rasenden Reporters Kisch auf dem Weinberger Friedhof in Prag vom Sockel gerissen und gestohlen hatten. Nach einem erneuten Diebstahl 2001 blieben die beiden etwa 45 Zentimeter hohen Büsten verschollen. Im Jahr 2003 wurde die Büste zum dritten Mal ersetzt. Wie beim vorherigen Mal fertigte der Bildhauer Zdenek Hosek die Büste an; dieses Mal zeigte das Konterfei des Autors ihn mit einer Zigarette im Mundwinkel und unterschied sich so von der ursprünglichen Büste. Im Jahr 2005 wurde laut dpa durch eine Mitarbeiterin des Friedhofs Strašnice ein erneuter Diebstahl der Kisch-Büste bestätigt.

Ein Foto zeigt anstelle der Bronze-Büste, entsprechend der jüdischen Tradition, von Besuchern abgelegte Steine auf der Marmorstele. Die Grabinschrift wirkt verwittert und ist kaum zu lesen. Da noch die Inschrift seiner Frau Gisl fehlt, die 1962 starb, ist das Bild, obwohl mit 2007 datiert, offensichtlich wesentlich älteren Datums. Ein vom November 2009 datiertes Foto zeigt eine immer noch (oder schon wieder?) ohne Büste verwaiste Marmorstele; jedoch ist die Grabinschrift goldfarben restauriert worden. Auf einem Foto von September 2011 sieht der Betrachter die Marmorstele mit einer bronzenen Büste des Autors, die auf einem Sockel mit dem Schriftzug Kischs steht; in seinem linken Mundwinkel steckt eine Zigarette.

Wie beginnt eine Kriminal-Reportage? Am besten am Tatort.

Aber es ist verwirrend. In den Meldungen zu den unterschiedlichen Diebstählen werden zwei verschiedene Stadtteile im Osten Prags für das Grab Kischs genannt: Vinohrady und Strašnice. Einmal wird vom Weinberger Friedhof (Vinohradský hřbitov), ein anderes Mal vom Friedhof Strašnice geschrieben. In einem ersten (ernstzunehmenden) Hinweis im Buch „Kisch war hier“ ist zu lesen: „Im Urnenhain auf dem Friedhof Strašnice erhebt sich in der 3. Reihe mannshoch eine Stele – gekrönt von einer Büste ...“ Gesucht werden muss also ein Urnenhain. Wie’s scheint, kein leichtes Unterfangen auf dem zweitgrößten Prager Friedhof, der eine Fläche von zirka zehn Hektar umfasst und auf dem es etwa 16.000 Gräber gibt. Die in tschechischer Sprache verfasste Internet-Seite über den Friedhof in der Vinohradská 294, Praha 10 – Strašnice hilft weiter. Der Weinberger Friedhof (Vinohradský hřbitov) wurde im Jahr 1885 gegründet und erfuhr eine dreimalige Erweiterung. Er diente vor allem wohlhabenden Prager Familien. Die meisten Gräber stammen vom Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier sind auch viele bedeutende Persönlichkeiten beigesetzt. Als Sehenswürdigkeit werden ein zentrales Kreuz am Eingang und eine neogotische Kapelle erwähnt. Die 1897 vom Architekten Antonin Turek konzipierten Arkaden enthalten 14 Gräber, darunter auch das Grab der Familie von Vaclav Havel. Durch ein schmales Tor, dass 1932 eine Verbindung zum Friedhof Popelnicová Gasse schuf, kommt man an deren Ende zum Krematorium Strašnice; daneben befinden sich ein Kolumbarium, welches die Urnen in reihenweise übereinander angebrachten Nischen aufbewahrt, und der (gesuchte) Urnenhain. Somit ist der Tatort dingfest gemacht.

Aber was ist mit den Tätern? Vermutet werden sowohl antisemitische Vandalen, als auch Souvenir-Jäger, Kisch-Fans oder einfach nur Diebe. Täter brauchen ein Motiv.

Kisch war Jude und Kommunist; aus beidem machte er keinen Hehl. Das wäre ein zweifaches Motiv für Neonazis. Diese sind auch in Tschechien vertreten und rufen die Mobilmachung gegen alles sie Störende aus: Roma, Juden und Homosexuelle gehören zum bevorzugten Feindbild. Ihren Hass bringt die rechte tschechische Szene mit Symbolen des deutschen Faschismus zum Ausdruck. Das klingt paradox, wenn man bedenkt, dass die Slawen im nationalsozialistischen Duktus als *minderwertige Rasse* eingestuft wurden. Einer der führenden Extremismus-Forscher des Landes Zdenek Zboril erklärt diese Entwicklung so: "Für die Neonazis im heutigen Tschechien sind Hitler und vor allem die SS Helden - auch weil sie im zweiten Weltkrieg gegen die Bolschewisten in Russland gekämpft haben. Darin zeigt sich ein Anti-Kommunismus und eine politische Heimatlosigkeit der jungen Leute, die sich nach dem Transformationsprozess Anfang der Neunziger Jahre entwickelt hat. Ein Anti-Kommunismus, dem heutzutage vor allem junge Männer anhängen, die gar keine Erfahrung mit dem Kommunismus haben. Sie akzeptieren ihn ohne persönlichen Hintergrund und ohne historische Kenntnisse, auch ohne Kenntnisse des Nationalsozialismus. [...]“ Fraglich bleibt, ob Täter aus der Neonazis-Szene einfach nur die Büste von Kischs Grab stehlen würden, ohne eine Art Bekenntnis ihrer Ideologie zu hinterlassen. (Man denke an Schmierereien und sinnlose Zerstörung auf jüdischen Friedhöfen.) Ausschließen sollte man dies jedoch nicht grundsätzlich; das hat der Umgang in der Motivsuche zu den Ermordungen von türkischen und griechischen Menschen in Deutschland gezeigt. Hier wurde in der Polizeiarbeit über zehn Jahre ein rechtsextremer Hintergrund negiert ... Bis zwei Selbstmorde und Bekennervideos eine andere Wahrheit offenbarten ...

Ist eine 25 Kilogramm schwere Büste es wert, gestohlen zu werden? Der reine Geldwert von 25 Kilogramm Bronze beläuft sich auf zirka 200 Euro. Betrachtet man Aufwand und Nutzen, ist ein Diebstahl um der Bronze willen wohl eher nicht der Grund. Mehr Geld spült die bronzene Büste wahrscheinlich in die Kasse der Diebe, wenn die Büste an Liebhaber von Büsten im Allgemeinen oder an Kisch-Liebhaber im Speziellen weiter verkauft werden kann. Und Fans hat Egon Erwin Kisch besonders in Prag immer noch. Davon weiß auch der Nachlassverwalter Miroslav Kucera zu berichten. Er betreibt den Nachlass Kischs ehrenamtlich, im Auftrag des tschechischen Schriftstellerverbandes. Anfangs hatte Kucera noch ein eigens dafür eingerichtetes Büro. Als dies zu teuer wurde, zog er kurzerhand um: „in eine Kneipe nahe der Moldau in Prag. *Zu den Flößern* heißt sie, und Kuceras angestammter Platz ist an einem Holztisch zwischen Eingangstüre und Tresen.[...]“, zu lesen in der „Jüdischen Allgemeine“ 2008. Bisher konnte der zeit-, nerven- und geldaufreibende Wettkampf mit den Dieben immer wieder zu Gunsten eines neuen Abgusses der Büste entschieden werden. Die dafür benötigten 8.000 Euro kamen über verschiedene Spender und Mäzene zusammen, wie z.B. von Rudolf Augstein und vor allem vom tschechischen Schriftstellerverband. Kucera vermutet über den Tathergang: „Die [Diebe - Anm. der Autorin] müssen irgendwann nachts kommen, denn ansonsten würde das ja jemand beobachten [...].“ Diebe, die außerhalb der Öffnungszeiten kommen, über die Mauer des verschlossenen Friedhofs klettern müssen, um über selbige eine 25 Kilogramm schwere Büste zu hieven? Das klingt unwahrscheinlich, oder?

Folgende Geschichte ist denkbar:
Um so unauffällig wie möglich, und wie auch nötig, sein zu können, haben die Diebe das Areal und die Begebenheiten vorher ausbaldowert. Dabei stellten sie fest, dass das Prager Bestattungsunternehmen *tranquillitas* dort die Geschäfte betreibt. Es werden Arbeitslatzhosen, ein Transporter, Werkzeug und T-Shirts mit dem nachempfundenen Logo des Bestattungsunternehmers besorgt. So ausgerüstet ist es ein Leichtes, die bronzene Büste bei Publikumsverkehr am helllichten Tag zu stehlen; quasi als Meisterdiebe.

Und ganz im Sinne Kischs wurden hier Dinge erfunden, die sich durchaus so hätten ereignen können ...

Kucera ergreift jedoch auch entsprechende Maßnahmen nach dem letzten geglückten Diebstahl: „ ... und diesmal werden wir die so bombig befestigen, dass niemand sie mehr vom Sockel holen kann.“ Vielleicht liegt es an der (bombigen) Befestigung, dass die bronzene Büste in Straschnitz an ihrem Bestimmungsort verweilt; vielleicht hat die sinkende Nachfrage dazu geführt, dass die Büste nicht mehr gestohlen wird.

Abschließend sei noch dies vermerkt: „Ein Denkmal ist ein berühmter Mann in Marmor oder Bronze, der schutzlos in Wind und Regen steht und den Tauben als Toilette dient.“ (Peter Sellers) Bleibt zu hoffen, dass sich künftig nicht nur die Tauben an der Marmorstele mit der bronzenen Büste von Straschnitz erfreuen können.
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Re: Reporter-Ente trifft Rasenden Reporter

Beitragvon jupp » Mo 15. Jul 2013, 10:03

Kisch Grab 600.jpg


Wie kann man nur das Grabmal eines so liebenswerten Menschen derart absurd entehren. Depperte Banausen müssen die Täter sein.

Wenn ich Geschichte lernen will, abstrakt, die große Linie, – „damals litt die Bevölkerung Not“ – nehme ich ein Fachbuch zur Hand. Will ich erfahren, wie die Menschen, insbesondere die „kleinen Leute“ in jener Zeit gelebt haben, dann lese ich einige Reportagen des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch. Ihn halte ich für ein großes Vorbild des Qualitätsjournalismus. Sie Texte haben keinen Hauch von Sensations-, gar Krawallgeschrille, geschweige denn von emotionstriefendem Betroffenheitsgesülze. Strikte Tatsachenberichte sind das Markenzeichen von Kisch. Doch in jeder Zeile ist seine Empathie für die Menschen sichtbar.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
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