Pilze sammeln




Belletristik und Lyrik aller Art

Pilze sammeln

Beitragvon jupp » Sa 19. Okt 2019, 14:35

DIE SCHANDTAT UNTER DER HERBSTBUCHE

Eines späten Nachmittags im frühen Herbst – es war an einem dem Tag des Herrn vorangehenden Samstag, der hinsichtlich der herrschenden klimatischen Bedingungen derart beschaffen war, dass mir die Metapher „goldener Herbst“ durchaus angemessen erschien –, lenkte ich meinen Körper, indem ich meine Füße in die dazu zweckdienliche Richtung setzte, von Himmelschwand her kommend immer tiefer in den „Dorfwald“, der sich nordwestlich des Graue-Säge-Weges gegen Hinterwald hin ausbreitet und dabei immer tiefer wird, um in der Einsamkeit der unberührten Natur über die unergründliche Göttlichkeit der Schöpfung nachzudenken.

Sie werden mein unbeschreiblich erschauderndes Erschrecken nachvollziehen können, da mein Auge am Fuße einer mächtigen Buche – ihr Laub war schon von deutlichen Herbstverfärbungen gezeichnet, was ihr einen anmutig ästhetischen Kontrast zu den darum herumstehenden immergrünen Weißtannen verlieh – eines weiblichen Wesens, mittelgroß, blondes Haar, ca. 89-60-85 schätze ich mal (denn die Bekleidung, die sie trug, erlaubte mir nicht, genaueres Augenmaß zu nehmen), ansichtig wurde. Eine im Normalzustand mit Bestimmtheit zauberhafte Erscheinung, in diesem Augenblick befand sie sich jedoch, mit bloßem Auge erkennbar, in einem Zustand seelenbeschädigten Unglücklichseins, wie er bei jüngeren Frauen – auch jenseits der Pubertät – häufiger vorkommt, denn sie war in Auflösung begriffen und netzte ihre Wangen derart überreichlich mit Strömen von bitteren Tränen, dass auch das Oberteil ihrer Jeansjacke eine gehörige Portion von dem Überfluss abbekommen hatte, was ich daraus schloss, dass es stellenweise eine sehr dunkle Färbung angenommen hatte. Schon dieser mitleidheischende Anblick eines ebenso erbarmungswürdigen wie hilfsbedürftigen Menschenkindes wäre geeignet gewesen, meine zu tiefempfindendem Mitgefühl fähige linke Gehirnhälfte in einen Zustand weinerlicher Betroffenheit zu versetzen. Doch noch nicht genug des schmerzlichen Leides, das uns Menschen hin und wieder zugefügt wird, das bemitleidenswerte weibliche Geschöpf war nicht nur dem Tode durch Tränenersticken nahe, es konnte nur noch entsetzlich schluchzend stammelnd die Worte hervorbringen: „Sieh doch edler Herr, wie ich am ganzen Leib wie Espenlaub zittere!“

Als wohlerzogener Mensch (den Glauben daran habe ich von meinen Eltern übernommen), dessen Stammhirn selbst in derart schwierigen Situationen sein Verhalten steuern lässt, erfüllte ich selbstverständlich die Bitte der jungen Frau, und sah mir ihren Leib genauer an.

Weil dieser – ich habe es schon eingangs erwähnt – bekleidet war, konnte ich die Behauptung der jungen Frau nicht zu 100 Prozent verifizieren. Indem jedoch ihre tränenüberströmten Wangen, ihre feingliedrigen Hände, die gar anmutig aus ihrer Jeansjacke hervorlugten, und ihr wohlgeformtes, ungewöhnlich langes Geläufe in ihrem engen Beinkleid sichtlich derart zitterten, dass das gewöhnliche Laub der Espe (populus tremula) nicht mithalten kann, kam ich zu dem Schluss, dass die am Fuße einer mächtigen Buche befindliche junge Frau mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch am übrigen Leib sich in einem tremulatorischen Zustand befinden musste.

Als wohlerzogener Junge, der den Refleximpulsen seines Stammhirns ohne näheres Besinnen folgt, deshalb auch zu leidenschaftlichen Wohltätigkeiten neigt, kniete ich instinktiv und intuitiv neben dem momentan armen, aber im Normalzustand mit reichlichen Gaben der Natur ausgestatteten Geschöpf nieder, und betätigte mich ihm wohltuend, indem ich ihm meine karitative Ader zuteil werden ließ.
Ich zog ein Päckchen Tempotaschentücher, das ich nicht nur für derartige Schicksalsfälle des Lebens immer mit mir führe, aus der linken Tasche meines Anoraks hervor, trocknete mit den ersten vier Tüchlein mit sanft-streichelnden Bewegungen die Folgen ihres bisher reichlichen Tränenüberflusses, worauf sie – so glaube ich es wahrgenommen zu haben – ein kleines Lächeln von sich gab, und ihrerseits die weitere Tränenabsonderung einstellte, sodass ich den Rest des Päckchens der Tempotaschentücher zur späteren Verwendung in die linke Tasche meines Anoraks zurück schieben konnte.
Als ich dem nun fast schon wieder zauberhaft aussehenden Geschöpf sanft durch das Haar strich (frisch geföhnt nahm es das Wellenspiel des leichten Herbstwindes auf) – „beruhigen Sie sich, ich bin bei Ihnen“, flüsterte ich in ihr freigelegtes linkes Ohr –, ließ auch ihr Zittern merklich nach. Das hatte zur Folge, dass ich allen meinen Mut zusammenpackte und es wagte, die junge Frau zu fragen: „sagen Sie mir, mein unverhofft gefundenes Glück, unter welchem süßem Namen wirst Du im Register des Standesamtes geführt?“
„Anna Laura“, hauchte die Fee, wobei sie die Augen ein wenig niederschlug, aber kein bisschen errötete. „Und Du?“
„Nenne mich Felix, da ich ein solches Goldstück im tiefen Forst vorfinde“, antwortete ich, wobei ich – im Gegensatz zu Anna Laura – meine Augen kein bisschen niederschlug, und – im Gleichklang mit Anna Laura – nicht die geringste Spur von Errötung zeitigte.

Nachdem derart die Sache mit der situationsgerechten Anrede problemlos geklärt war, fand ich es an der Zeit, zur Sache zu kommen.

„Sag mal Anna Laura, was hat Dich – wieder glitten meine schmeichelnden Finger durch ihr luftiges Haar und wagten sich sogar mit sanftem Streicheln auf ihre Wangen vor – an diesem goldenen Herbsttag zu solch reichlich vergossenen Tränenströmen veranlasst, und zum Zittern am ganzen Leib gebracht?“
„Ach mein Felix“, so leitete Anna Laura ihren Bericht ein, „kurz nach dem Mittagessen, wo es Chlempekrut und Kartoffele gab, nahm ich einen Spankorb in den Arm um im „Dorfwald“ Pilze zu suche, das isch eine meiner Leidenschafte, weischd.“
„Hast Du welche gefunden Anna Laura?“
„Des kannschd glaube Felix, im „Dorfwald“ find ich immer was für meine Leidenschaft weischd, acht ganz gesunde Steinpilz ohne Made und e Hufe schönschde Pfifferling hän ich im Körble ghätt.“
„So ein Glück!“, warf ich ein, „welch köstliche Früchte die Körbchen bergen können, aber welches Unglück hat Dich dann ereilt, das Dich zu Tränen rührte und zum Zittern brachte?“
„Weischd Felix, des kam so. Als ich am Fuß dieser herbstlich gefärbten Buche, die so e toller Kontraschd zu de immergrüne Tanne bilde tut, etwas ausruhe wollt, schdellde ich den Spankorb nebe mich und machte eine Tiefenentspannung, wo ich grad im Qi Gong Kurs gelernt hän. Do kam ein junger Mann aus dem Gebüsch.“
„Aber Anna Laura”, unterbrach ich sie aufgeregt, „in Deinem Alter müsstest Du doch wissen, dass hübschen jungen Frauen im tiefen Wald immer nur böse junge Männer begegnen!“
„Nein Felix, woher soll ich des wüsse, mit junge Männer im tiefen Wald habe ich nur gute Erfahrunge gemacht.“
„Aber wieso Anna Laura warst Du nach der Begegnung in Tränen aufgelöst und hast Du am ganzen Leib gezittert?“
„Mein Felix, ich will Dirs grad so säge wies war. Ich war mitten in der Tiefenentspannung als der junge Mann …“
„… Abscheulicher! …“
„… aus dem Gebüsch trat und ...“
„… und...“
„...und offenbar e Todsünd mit mir begehe wollt.“
„Allmächtiger!“
„So zum Verzweifele wars auch wieder net Felix, wie Du schdöhnschd. Ich wollt heut am Abend ja zur Monatsbeichte gehe, um morge den Tag des Herrn unbefleckt begehe zu könne. Weischd Felix, aus Erfahrung weiß ich, dass es für meine Todsünde im vergangene Monat als Buß e Schmerzhafte Rosenkranz für jede gibt. Auf eine mehr oder weniger kommts net drauf an, hän ich mir gedenkt, wo der junge Mann des auch wollte, unser Pfarrer zählt net so genau, weischd.“
„Und wie gings dann weiter?“
„Dann händ mer net lang geschwätzt, sondern ... weischd er war eigentlich ganz gut drauf.“
„Aber sag mir Anna Laura, weshalb hast Du danach so geweint und derart gezittert?“
„Weischd Felix, wo ich grad beim Anziehe war, hät die Drecksau einfach es Körble mit de schönschde Pilz genomme und isch abgehaue, der Saukerl.“
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