Lehre aus dem Reich der Tiere




Belletristik und Lyrik aller Art

Lehre aus dem Reich der Tiere

Beitragvon jupp » Fr 1. Nov 2013, 10:42

Titel Text II 600.jpg


DAS BIENENVOLK

Es lebte einst in der Weite der blühenden Landschaft Pommerns ein Bienenvolk, ehern verankert in den gefestigten Traditionen ihres Staates, in dem noch Sitte und Moral herrschten.

Das solide Fundament des gesunden Staates bildete die fleißige Heerschar der Arbeitsbienen. Diese Weibchen hatten ausschließlich die mütterlichen Pflichten, Nahrung für das ganze Volk zu beschaffen, sie nach der Art ihrer Mütter zuzubereiten, und die Brutpflege zu besorgen. Sie waren natürlich von Geburt an steril, sie sollten nicht auf dumme Gedanken kommen, und aus ihrer von der heiligen Tradition festgelegten Rolle ausbrechen.

Weitaus komfortabler erfreuten sich die Drohnen, die männlichen Paschas des Bienenvolkes, des Lebens in dem geordneten gottgesegneten Staat. Sie mästeten sich mit den von den Weibchen zubereiteten Speisen, um für ihren einzigen nützlichen Zweck, die Begattung der Bienenkönigin, gerüstet zu sein.

Wenn ihre Zeit gekommen war, stieg die Königin, begleitet von dem Schwarm ihrer Drohnen – Hofschranzen, zu ihrem Hochzeitsflug in den blauen Himmel auf. Dort sammelte sie die Früchte tausendfacher Besamung durch die Drohnen in ihrem Vorratsbeutel, um nach ihrer Rückkehr in den Bienenstock vieltausendfache Brut zu erzeugen.

Das Drama entwickelte sich in der heilen Welt Pommerns mit einer jungen rebellischen Generation von Arbeitsbienen.
„Schwestern“, stachelte Lucia in einer Ruhepause ihrer Pollensammelarbeit ihre Kolleginnen auf, „wir müssen unsere unwürdige Verknechtung und blutsaugerische Ausbeutung durch die Parasiten der herrschenden Klasse radikal brechen!“
„Ich stimme Lucia begeistert zu“, stichelte giftig Rosa, „die Arbeiterinnenklasse hat nach aufgeklärtem Bienenrecht Anspruch darauf, sich ebenfalls von den Drohnen begatten zu lassen. Schwestern, es lebe die Revolution!“
Die Arbeitsbienen reckten ihre geballten Fäuste zum Himmel: „Wir wollen sein ein einig Volk von Schwestern!“ erschallte der Kampfruf der Verschwörerinnen weithin in die Weite Pommerns.
„Schwestern hört die Signale!“, Simone schrie es begeistert hinaus, „Vergesellschaftung der Drohnen! Die Königin an die Laterne!“

Wie entfesselt wilde Furien schwirrten die Arbeitsbienen zu ihrem Bienenstock zurück, zerrten die Königin aus ihrer überbordend mit Gelee Royale gefüllten Wabenkammer, und bereiteten ihrem klassenfeindlichen Dasein ein blutiges Ende.

Nur einen Sommer währte die jubelnde Freude der revoltierenden Arbeitsbienen über den glorreichen Sieg ihrer Klasse. Sie starben aus. Der prall gefüllte Samenbeutel trocknete in der toten Königin aus, bei der er seinen Bestimmungszweck nicht mehr erfüllen konnte. Sooft sich auch die Arbeitsbienen freudig von den vergesellschafteten Drohnen begatten ließen, sie brachten keine eigene Brut hervor. In durch eherne Traditionen einbetonierten Gesellschaften ist die Arbeiterklasse natürlich steril.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
Benutzeravatar
jupp
Administrator
 
Beiträge: 231
Registriert: Sa 20. Apr 2013, 10:15
Wohnort: Irgendwo, ein kleines Dorf in der Provinz

von Anzeige » Fr 1. Nov 2013, 10:42

Anzeige
 

Re: Lehre aus dem Reich der Tiere

Beitragvon gnies.retniw » Fr 1. Nov 2013, 13:22

Lieber Jupp,

gerade hatten mein Freund und ich eine Diskussion, die zu deinem Text passt.

Es ging um die NSA, Frau Merkel und Herrn Ströbele, der bei Mr. Snowden zu Besuch war.
Es ging auch um den Fetisch, der um den Besitz von Daten betrieben wird.
Es ging um die Vorstellung des Individuums, wichtig zu sein; und damit seine Daten.
Es ging um den sorglosen Umgang, Intimstes ins Netz zu stellen.
Es ging um die Unüberschaubarkeit der Welt.
Es ging darum, wie immer wieder in althergebrachten Mustern, Gut und Böse, Wissen per Medien dargereicht wird.

Grüßchen von Signe
"Die Sonne der Kultur steht niedrig. Wen wundert's, dass Zwerge lange Schatten werfen."
Benutzeravatar
gnies.retniw
 
Beiträge: 110
Registriert: So 21. Apr 2013, 11:56
Wohnort: Anderswo. Liegt gleich neben Irgendwo.

Re: Lehre aus dem Reich der Tiere

Beitragvon jupp » Sa 2. Nov 2013, 15:16

Liebe Signe,

Stoff für viele Tage habt Ihr aufgetürmt. Ein Thema wichtiger als das andere.

Wochenendliche Grüße
Jupp
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
Benutzeravatar
jupp
Administrator
 
Beiträge: 231
Registriert: Sa 20. Apr 2013, 10:15
Wohnort: Irgendwo, ein kleines Dorf in der Provinz


TAGS

Zurück zu Texte

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron