LAURA
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KÜHE HABEN KEINE FLÜGEL UND DIE MILCH KOMMT AUS DEM SUPERMARKT
Immer wenn der sanftmütige Johannes, ein in Ehren ergrauter Alt 68-er, zu einer auskömmlichen Frühpension als Oberstudienrat a.D. gekommen, seine Enkelin Laura gelegentlich über das Wochenwende zu sich in sein toprenoviertes Bauernhaus in einem Teilort auf dem Land einlud, wusste er, dass ihm schwierige Tage bevorstanden. Er nahm diese Belastung gerne und bereitwillig auf sich, wollte er doch nicht nur seiner Tochter und deren Lebenspartner, den Eltern von Laura, ein ungestörtes Bumsen in ihrer 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten in einer Stadt der „Täler“ ermöglichen, sondern auch seiner Enkelin, dem Stadtkind, gleichzeitig die Grundzüge einer naturnahen Lebensweise vermitteln. Auch zu bürgerlichen Mitteln gekommene Alt 68-er können das Vermitteln nicht lassen. Dieser humane Doppelwille aber war nicht die eigentliche Schwierigkeit, von der kurz zuvor die Rede war. Laura war im besten nervigen Fragealter. Mutig stellte sich Johannes dem auf ihn zukommenden Stress, so letztmals vom 15. auf den 16.09.2011. Gleich nach Lauras Ankunft in seinem toprenovierten Bauernhaus dachte Johannes, ihr – der 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad Entkommenen – täte es zuerst einmal gut etwas Landluft zu schnuppern, um erste einfühlende Befindlichkeit und Empfindsamkeit für die Wunder der Mutter Erde, für eine naturnahe Lebensweise herzustellen. Er führte Laura hinaus zu den Weiden, auf denen braun-weiß-gefleckte Kühe, wie sie auf dem Land häufiger auf einer Wiese anzutreffen sind, wobei sie sich vom Gras und die Bauern sich von den dafür gewährten Subventionen ernähren, grasen.
J.: „Schau mal Laura, da grasen braun-weiß-gefleckte Kühe!“
L.: „Schon gerafft, Opadaddy, echt grass cool, aber warum haben die Kühe keine Flügel?“
Da ging die Nerverei schon los. Johannes entschloss sich, von den Fesseln seiner frühkindlichen Erfahrungen mit der das-ist-so-Pädagogik längst selbstemanzipatorisch befreit, ohne jedes Zögern auf die Frage nicht mit dem Klapperstorch oder ähnlich kindischen Welterklärungen zu kommen, sondern mit den Möglichkeiten einer wirlichkeitshinterfragend- anschauenden Pädagogik zu antworten.
J.: „Ich will es dir zeigend-erklären, Laura. Schau doch, das wichtigste an den Kühen ist ihr Euter.“
L.: „Euter, was ist denn das schon wieder?“
J.: „Das ist der runde Sack der da unten hängt, in dem machen die Kühe Milch.“
Laura schaute ihren Großvater Johannes fragend-belustigt an.
L.: „Sag mal Opadaddy, willst du mir jetzt ein Märchen erzählen?“
J.: „Wieso ein Märchen, liebe Laura, ich will dir doch nur die ökologische Lebensweise auf dem Land, so wie sie uns unsere Mutter Erde beschert hat, zeigen.“
L.: „Klar, du willst mir ein Märchen erzählen, finde ich total uncool. Mein Papi hat gesagt, mit dem runden Sack, der da unten hängt, macht man der Mami ein Baby, und die Milch holen wir beim REWE.“
Kurz stand das ganze Dilemma der Aufklärung zwischen Johannes und seiner Enkelin Laura. Führt diese doch, in unterschiedlichem Kontext erfolgt, - hier eine 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten bei den städtischen „Tälern“, dort bei einem toprenovierten Bauernhaus auf dem Land – zu sehr unterschiedlichen Erkenntnissen. Doch der in endlosen Palavern von Parteitagen, Selbsterfindungsworkshops und dergleichen unfruchtbaren Mühseligkeiten gestählte 68-er Johannes ließ sich keinen Augenblick von seinen anschauend-pädagogischen Bemühungen abhalten.
J.: „Schau mal Laura, das ist so. Du siehst die braun-weiß-gefleckten Kühe, die haben einen dicken Euter, in dem sie die Milch machen, das ist anders als bei deinem Papi, der keine Milch macht. Wenn dann die Kühe gemolken werden, kommt die Milch heraus und wird in einer umweltkorrekten Verpackung, damit keine Keime rein kommen, zum REWE geliefert.“
L.: „O.K. Opadaddy, das habe ich gerafft. Aber das ist doch genau wie bei Papi. Der verpackt auch seinen Sack, damit bei Mami keine Keime reinkommen. Total cool und echt geil. Aber, Opadaddy, du hast mir immer noch nicht gesagt, warum die Kühe keine Flügel haben.“
J.: „Sieh mal Laura, du hast doch jetzt gesehen, dass die Kühe in ihrem Euter Milch machen, die wir für unser Müsli brauchen.“
L.: „Aber warum haben sie dann nicht auch noch Flügel?“
J.: „Genau deswegen. Mit ihren Flügeln würden sie mit der Milch einfach wegfliegen und wir hätten keine für das Müsli.“
Laura blieb hartnäckig mit einer Logik, die in ihrem Alter auf weit fortgeschrittene Reife schließen lässt, wie wir Erwachsene sie unseren Kindern nicht zutrauen. Weshalb eigentlich nicht?
L.: „Gut, das finde ich o.k. Aber mit ihren Flügeln könnten die Kühe doch direkt zum REWE fliegen!“
Johannes sah, dass er an dieser Stelle mit einer wirklichkeitshinterfragend-anschauenden Pädagogik nicht mehr weiterkam. Er entschloss sich, sich auf das höhere Niveau fortgeschrittenen logischen Denkvermögens, wie es unverdorbenen Kindern wie Laura zu Eigen ist, zu begeben; wobei er anfangs den klassischen sokratischen Frageweg beschritt.
J.: „Gut Laura. Angenommen, die Kühe fliegen mit ihrer Milch zum REWE. Wo sollen sie dort landen?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, natürlich auf dem Parkplatz.“
J.: „Laura, hast du schon einmal eine braun-weiß-gefleckte Kuh auf dem Parkplatz beim REWE parken sehen?“
L.: „Du fragst aber einen Scheiß, Opadaddy. Nein, habe ich nicht. Wenn Mami und Papi dort die Milch holen ist der Parkplatz immer mit Autos zugeparkt.“
J.: „Siehst du Laura, weil die Kühe nicht beim REWE landen und dort parken können, haben sie auch keine Flügel.“
Laura war für eine kleine Weile nachdenklich, jedenfalls hielt sie für 9 ½ Sekunden den Mund. Johannes spürte derweil – jedenfalls glaubte er es -, dass er mit der Aufklärung eines Stadtkindes, aufgewachsen in einer 2 ½ Zimmer-Wohnung bei den städtischen „Tälern“ ein großes Stück weiter gekommen war. Listig nutzte er das Schweigen von Laura, um das Thema nicht wieder aufflammen zu lassen, wobei er bei der sokratischen Fragetechnik verblieb, um einem Themenwechsel zuvorzukommen.
J.: „Sag mal Laura, magst du eigentlich Hähnchen mit Pommes?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, mit Majo und Ketchup. Echt geil.“
J.: „Hab ich alles da, gibt es nachher.“
L.: „Krass cool. Aber – sag mal Opadaddy, du erzählst mir da nicht schon wieder ein Märchen?“
