Ein altersbedingtes Drama




Belletristik und Lyrik aller Art

Ein altersbedingtes Drama

Beitragvon jupp » Mi 6. Nov 2019, 10:42

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Ein altersbedingtes Drama

Eine geradezu unmenschliche Zumutung für die Leserinnen und Leser

Sie können es mir auf Heller und Pfennig glauben, es war ein schmerzengepeinigtes Erleben, eine seelenverletzende Grausamkeit für mich, als ich am letzten Mittwoch – nach wochenlangen Warnzeichen – mir definitiv eingestehen musste: die Schuhe in der bisher getragenen Größe waren mir zu eng geworden. Mit altersbrüchiger, die Tränen erstickender Stimme, wie sie das Markenzeichen von Kleinrentnern, die nicht mehr als ein Hungertuch vom Aldi zum Nagen haben, ist – was tagtäglich eine harte Nuss für die „Dritten“ ist -, suchte ich meiner lebenspraktischen Frau schonend beizubringen, dass wir in den nächsten 1-1,6 Jahren unsere Gürtel noch enger schnallen müssten, weil ich zwei Paar um zwei Nummern größere Schuhe benötige.


Sie können es mir auf Heller und Pfennig glauben, es war ein schmerzengepeinigtes Erleben, eine seelenverletzende Grausamkeit für mich, als ich am letzten Mittwoch – nach wochenlangen Warnzeichen – mir definitiv eingestehen musste: die Schuhe in der bisherigen Größe waren mir zu eng geworden. Mit altersbrüchiger, die Tränen erstickender Stimme, wie sie das Markenzeichen von Kleinrentnern, die nicht mehr als ein Hungertuch vom Aldi zum Nagen haben, ist – was tagtäglich eine harte Nuss für die „Dritten“ ist -, suchte ich meiner lebenspraktischen Frau schonend beizubringen, dass wir in den nächsten 1-1,6 Jahren unsere Gürtel noch enger schnallen müssten, weil ich zwei Paar um zwei Nummern größere Schuhe benötige.

„Bevor wir uns vollends in die Armut stürzen“, lass uns heute Abend „hart aber fair“ gucken, dort werden heute Probleme des Alterns behandelt.“
„Unnütz vergeudete Zeit“, elendete ich, „in hart aber fair wird doch nur doch nur semidebil über die Probleme palavert; sie werden aber nicht gelöst.“ Ich schaute meine liebe Frau so hoffnungsvoll an, wie man das nach 45 Jahren Ehe noch kann.
„Du musst mehr Mut zum Leben haben“, versuchte sie, mich aufzurichten, „vielleicht leiten wir mit unserer Intelligenz bei dem Palaver selbst eine Lösung für Dein Problem ab.“

Schon bei der Vorstellung der Diskussionsrunde bei „hart aber fair“ – die bekannten Teilnehmer hatten bekanntermaßen nicht mehr Hirn im Kopf als ein Kopfsalat aus dem Garten, auch wenn er, wie bei einer Teilnehmerin, aus biodynamischem Anbau stammt - stellte mir meine lebenspraktische Frau eine Plastikwanne, gefüllt mit heißem Wasser, angereichert mit schäumender Neutralseife, vor die Füße, und lud mich mit freundlicher Stimme, begleitet von energischer Gestik ein, Schuhe und Strümpfe auszuziehen, auf dass meine Füße das Bad im heißen Schaumbad genießen könnten. Der Genuss dauerte eine ganze Weile und war so angenehm wie ein Kniewärmer aus Angora um meine arthritischen Gelenke. Zu eben jenem Zeitpunkt als in einem Einspielfilm Hans Jochen Vogel über seine positiven Erlebnisse in einem Altersheim in die Kamera berichtete, nahm meine lebenspraktische Frau meine eingeweichteingeseiften Füße in näheren Augenschein. „Es ist soweit, der Zeitpunkt ist gekommen.“ Ein triumphierendes Lächeln lag in ihrer Stimme, „jetzt sind Deine Fußnägel nicht mehr so hart, ich kann Deinem Problem auf den Leib rücken.

Mit einem Ensemble von mittelalterlichen Marterwerkzeugen – Zange, Schere, Feile, akubetriebenem Schleifer – machte sich meine lebenspraktische Frau berserkerhaft, wie ein Mc Donaldianer über einen Berg Pommes mit Majo und Ketch, über meine Zehennägel her. Das war nicht ganz so schlimm wie beim Zahnarzt, aber beileibe nicht so ohne.
Und siehe: Mit der alten Nummer der Schuhe lief ich wieder wie auf Wolken geschmiert. „Siehst Du, bevor Du es mit einer größeren Nummer größer machen willst, versuch es noch mal mit der alten.“

Mit einem warmen Fußbad lassen sich manche Probleme des Alterns besser bewältigen, als mit dem Gewäsch von sogenannten Experten. Ich schaute meine liebe Frau so hoffnungsvoll an, wie man das nach 45 Jahren Ehe noch kann.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
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