Mein Buch




Satiren, Glossen & Ähnliches

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Beitragvon jupp » Sa 27. Mai 2017, 10:11

Marianne (68) aus Cottbus fügte mir gestern eine sehr große Freude zu. Deshalb steckte ich mir eine Träne der Dankbarkeit in das vierte Knopfloch von rechts aus gesehen. „Tief gehend“ habe sie mein neues Buch gefunden, schrieb sie als Kommentar unter dieses. Meine, mir schon vorgeburtlich zugewachsene, mithin genombasierte überaus edle Bescheidenheit ließ mich, ob der die Wahrheit aussprechenden Worte von Marianne (68), zeitgleich erschauern und erröten. Meiner Absicht lag es fern, unseren älteren Mitbürgern eine bandscheibenschädigende Haltung aufzuzwingen, um mein Buch gut zu finden; es sollte jedenfalls, dahingehend werde ich mich in Zukunft bemühen, nicht tief gehend, auch aufrecht gehend und sitzend zu lesen sein.
Richtig geschämt habe ich mich, als ich vor dem Ende des redlich verdienten Lobes noch lesen durfte, die von mir geschaffenen Kunstwerke, womit sie nicht den Text, sondern meine Illustrationen meinte, trügen unverkennbar eine eigenartig individuelle Handschrift. Hiermit gebe ich der echten, nicht der politischen Wahrheit die Ehre, indem ich oute, dass ich mit meiner individuellen Handschrift nichts zu tun habe. Ich schnipsele nämlich das Material für mein Geklebtes – gegen den kompetenten Rat von Experten verwende ich bei ihnen auch kein Pattex, sondern Pritt – mit einer Büroschere klein. Diese hat schon mein Großvater dazu benutzt, den Inhalt ungezählter Bierflaschen dem genussreichen Verbrauch zugänglich zu machen, dass er den verschließenden Kronkorken in den Scherengriff der leicht geöffneten Büroschere nahm und dann die traditionelle Handbewegung vollzog, worauf es immer vernehmbar ploppte. Aus diesem, dem Verstehen nachvollziehbaren Grund, entdeckt man unter dem Elektronenrastermikroskop an meinen Klebeschnipseln eine absolut eigenartige, mich an das Verfahren einer DNA-Analyse erinnernde, wie auch an die Partitur von Sphärenklängen anklingende Spuren, die den Wellenschliff, die die generationenüberdauernden Kronkorkenentfernungen meiner Büroschere bereiteten. Dies, verehrte Marianne (68), bei allem Stolz, zu dem ich vollauf berechtigt bin, dürfte nicht als meine individuelle Handschrift zu bezeichnen sein.

Herzliche Grüße
Jupp
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