Empfindsame Leidenschaft




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Empfindsame Leidenschaft

Beitragvon jupp » Di 4. Dez 2018, 20:27

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EMPFINDSAME LEIDENSCHAFT

Ich, Amalia Freifrau von Gestrich, wurde, ach, von keinen liebreizenden Gedanken heimgesucht, vielmehr von unendlichen Seelenverstörungen zermürbt. Ich saß am einfachen aus den Kiefern unseres Tann gearbeiteten Küchentisch, den ich von meinem alle Tage ihres Lebens ordentlich frisierten Großmütterlein geerbt hatte, nachdem der fürchterliche Krebs sie dahingerafft hatte. Offenbar war ich Opfer einer seelenlähmenden Lebenskrise. Ach. O welche Übel uns Menschlein am heimischen Küchentisch das Schicksal auf das Schrecklichste zufügen kann. Mein armes Herz ängstigte sich und drohte, in diesem Zustand zu verharren.
Gerade erst hatte ich den Entschluss gefasst, meinem Leben eine neue Richtung zu geben, es mit einem neuen Sinn zu füllen. Ich wollte mich auf das Trefflichste bessern. Schon raffte ich die vorpubertäre Antonietta Flaschomaggi, mein engelgleiches Töchterlein, ach immer noch ohne liebende Vaterhände mit denen es untrennbar verbunden sein würde, und einige Packungen Tempotaschentücher zusammen, um meinen Tränen freien Lauf lassen zu können, in den Kofferraum meiner Kutsche. Ohne zu zögern fuhr ich los.

Jäh brachen – kaum hatten wir die grauen Mauern des verschlafenen Kleindörfchen Irgendwo verlassen – die munteren Strahlen der wärmenden Sonne durch die Wolken, als wir am letzten Samstag gemessenen Schrittes eine liebliche Lichtung in einer baumbestandenen Waldung des tiefen Forstes, zwischen Ober- und Irgendwo gelegen, betraten. Sanft wogend wie die kräuselnden Wellen einer kaum bewegten See strich ein säuselnder Wind über die heimatlichen Kartoffeläcker, die im frischen Grün des Frühsommers prangten und in denen, wohlbehütet von aufgehäuften Schollen, die knolligen Früchte des Herbstes heranreiften, welche wir vor wenigen Minuten hinter uns gelassen hatten. Ein fröhliches Zwitscherkonzert der munteren buntgefiederten Vöglein belebte den Forst und gestaltete die Befindlichkeit unserer Stimmung auf das Trefflichste. Sogar manches Heideröslein wurde unserem Anblick zuteil. Mir wurde warm ums Herz. O wie ergetzend ist unsere sorgende Mutter Natur mit ihren wahren Ausdrücken!
„Hier?“ richtete ich meine fragenden Augen an die anmutig strahlenden Augensterne von Antonietta Flaschomaggi, die mich heiteren Gemüts zum Tun von beseelter Erhabenheit begleitete. Antonietta nickte zustimmend und sichtlich freudigen Herzens mit ihrem bezaubernden Lockenköpfchen zum Zeichen ihres Einverständnisses. An Ort und Stelle ließen wir uns auf den weichen Moospolstern, welche die Lichtung gar lieblich zierten, nieder. Ich vernahm kleine Seufzer des Entzückens, die Antonietta aus dem Kämmerlein ihrer Mädchenseele entließ, sogar ein kleines Bächlein zierlicher Tränen der Rührung meinte ich in ihrem heiteren, von engelhafter Anmut geprägten Antlitz zu entdecken. Sie schien in jene Verfassung geraten zu sein, wie sie bei Mädchen im knospenden Alter von bald 13 Jahren manchmal beobachtet werden kann. Ich entnahm dem handgewebten Brotbeutel, hergestellt aus fair gehandelter ökologischer Genfreiheit der Dritten Welt, ein gelbes Reclam-Büchlein ohne seidenes Lesebändchen. Da ich bemerkte, dass Antonietta mit gespannter Aufmerksamkeit an meinen Lippen hing und mich dabei versonnen anblickte, begann ich ohne weiteres Zögern mit ausdrucksvoller, jedoch nur ein Geringes mehr als halblauter Stimme vorzulesen.

„Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir’s. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meinige zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt’ ich dafür, daß, während die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung verschafften, daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch – bin ich nicht ganz unschuldig? Hab’ ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab’ ich mich nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so lächerlich sie waren, selbst ergetzt? hab’ ich nicht – O was ist der Mensch, dass er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer gethan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.“

An dieser Stelle der gefühlsschwangeren Lektüre, die mich stark gerührt hatte, legte ich eine kurze Pause ein, um meinen versunkenen Sinnen, die in heftige Bewegung geraten waren, angemessenen Raum zu geben. Als ich bemerkte, dass sich schon wieder die anmutsvoll feuchten Augen meiner Antonietta Flaschomaggi mit den untrüglichen Zeichen tiefer Ergriffenheit gefüllt hatten und einige heiße Tränen erschrockener Betroffenheit ihre geröteten Wangen netzten, ein Gleiches widerfuhr mir im gleichen Augenblick, verhalf ich meinem herzallerliebsten Töchterchen mit ihrem blonden Lockenköpfchen und mir mit mehreren Tempotaschentüchern wieder zum ansehnlichen Anblick zurückzukehren.

„Mein innigstgeliebter Josef“, hauchte ich im Gedenken an meinen Zeitweisen, meinen verwundeten enervierenden Seelenschmerz genießend, schmerzlich in die duftende Bläue des Frühsommers, in der sich ein flinkes Eichhörnchen von Wipfel zu Wipfel, über allen denen Ruhe herrschte, schwang, während der Frühsommer mit heiterer Miene sein blaues Band wehen ließ, Antoniettas Brust bewegte sich sichtbar ob der starken Empfindung, mit der der Text sie und mich im Übermaß beseelt hatte, „welch wundersame Melodei erfüllt mir Herz und Seele, da die vorgelesenen Worte in meine Gehörgänge drangen, mir deucht, als ob die niedlichen Vögelein des Waldes uns ein himmlisches Lied sängen.“ Unendlich behutsam netzten freudige Tränen zaghaft aufkeimenden Glücks meine von der Morgenröte sorgsam gepuderten Wangen. Antonietta Flaschomaggi tat einen tiefen Seufzer, in Staunen verfallend, welches Volumen ihre junge Mädchenbrust, die sie in einer luftigen Leinenbluse von H&M schützend barg, annehmen konnte. Welch ein Anblick! Mich überfiel die Lust, heftigst zu weinen. Wie ich die herzzerreißende Piepsstimme der dahinschmelzenden Antonietta vernahm, sprangen in einer heftigen Aufwallung sich offenbarender Seelenverwandtschaft ihre tiefen Empfindungen und Gefühle auch auf mich über und pflanzten mir eine empfindsame Stimmung ein, wie sie damals auch Goethen, als er in der Zeit des Sturms und Drangs noch ein sentimentales Genie war, sehr stark bewegte.
„Ach, meine innigstgeliebte Flaschomaggi“, hauchte ich mit ziemlicher Rührung in die Nähe ihres anmutigen Lockenhauptes, der in reichlichem Maße den lieblichen Duft von Maiglöckchen verströmte, „die ersten Sätze der ‚Leiden des jungen Werther’ bewegen uns Heutigen wie die Damaligen auf dem Grund unseres sentimentalen Wesens, das uns das rätselhafte Schicksal zugeteilt hat. Künden sie doch von dem fragilen Glück überreichlicher Empfindlichkeiten bei der wechselseitigen Ännäherung von zwei Menschen verschiedenen Geschlechts und lässt dem Empfinden die dunklen Schatten des ängstigenden Unglücks, das die Liebenden treffen wird, düstere Schatten voraus werfen.“
„Mein Gott! Josef“, sprach ich in meiner ziemlich erregten Seele zu mir, „heiterer Gespiele meiner glücklichen Stunden bei Halma und Mensch ärgere dich nicht und der anschließenden Spiele, in deren Verlauf du Antonietta Flaschomaggi zeugtest, du sprichst mir aus der Ferne, in die du eines frühen Morgens grußlos verschwunden bist, von schicksalhaftem Unglück? Kann“, ich wandte meinen Blick meinem engelgleichen Töchterchen zu, „ein solch junger Mensch Empfindungen, die von tiefen Gefühlen unendlicher Liebe stark bewegt sind, überhaupt erreichen?“ Antonietta griff unter leichtem Zittern ihrer Stimme zu einem Tempo-Taschentuch, als wäre es zu einer Übertragung der Gedanken gekommen.
„O, gar schrecklich ist es, geliebte Antonietta, an der ich mit allen Fasern meines pochenden Herzens hänge, dir die Wahrheit zu sagen: das Verderben bringende Unglück kann solches bewirken. Wie Goethen uns in seinen Briefen mit erschreckender Klarheit berichtet, hat Werther den von ihm herbeigeführten Freitod erlitten, weil seine Geliebte, die seine sentimentalen Gefühle überaus stark bewegt hat, einen anderen zur Heirat bevorzugte.“
„O wie schrecklich ist doch dieses Herzeleid, geliebte Mutter, gar schmerzlich wird mir, da du mich aufklärst, zumute.“ Antonietta barg mein gramgebeugtes Haupt an ihre holde Brust und strich mit leise zitternden Händen durch mein frisch dauergewelltes Haar. „Ich bitte dich auf den Knien, lass uns ‚die Leiden des jungen Werther’ nicht zum Vorbild nehmen! Wir wollen uns von der anregende Lektüre nicht so stark bewegen lassen, dass es auch bei dir zum Tod im Freien kommt.“

Wir fuhren alsbald nach Hause.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
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jupp
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