Börne schreibt uns einen Brief




Satiren, Glossen & Ähnliches

Börne schreibt uns einen Brief

Beitragvon jupp » Di 23. Jan 2018, 11:13

Liebe Landsleute,

wenn man ausnahmsweise den großmäuligen Ankündigungen in Eueren ins Infantile regredierten Medien Glauben schenkt, kann man in 30 Tagen Französisch, Englisch oder Spanisch lernen, 14 Tage Megasupertraumurlaub für 280.- € in der Türkei erleben und dergleichen Superschnäppchen mehr.
Ich habe mich, in grundlegendem Gegensatz zu der windigen Schnäppchenwirtschaft, in der theoretischen wie in der praktischen Philosophie etwas umgesehen, Metaphysik, Logik, Anthropologie, empirische Psychologie sind mir nicht ganz fremd, aber mit der Theorie Euerer arg beschränkten Welt der Medien konnte bisher nicht ins reine kommen. Ich gestehe freimütig, kein Freund von Mäusekegeln zu sein. Dennoch will ich die wenigen unstreitigen Grundsätze, die ich mir aus meinen Erfahrungen mit Euerer Welt, soweit Ihr sie als eine kulturelle bezeichnet, abgezogen, gern mitteilen; vertraut mir, sie sind in der gegenwärtigen Lage von Euch nicht ohne Nutzen, Staatspapierhändler oder staatliche Papierhändler (ich weiß nicht, welche Schreibart die richtige ist) fragen jetzt oft: „welchen Ausgang wird unsere Gesellschaft haben?“ Eure Medien sind gründefest, es dringt keiner durch. Ihre gefährlichste Waffe ist das ihrem Mund entströmende Dauergedaddel. Alle Mühe, sie zu niveauvollem Reden zu bringen, ist vergebens. Ihr müsst Euch zurückziehen.

Außerdem: glaubt mir - ein unvoreingenommener Blick in Euere Medien wird mich bestätigen -, dass man in 3 Tagen zum professionellen Fernseh-moderator (oder einer Fernsehmoderatorin in der weiblichen Variante dieser seltsamen Erscheinung in Eurer Welt der „Kultur“) werden, deutlicher gesagt, total verblöden kann. Ein Beispiel soll mein Versprechen belegen.
Kürzlich hat in der Sendung Kultur(!)zeit auf 3 Sat die Moderatorin eine Argumentation eines Gastes, die interessant zu werden schien, abrupt unterbrochen: „wir sind ein Magazin, Sie haben die Redezeit überschritten.“ Ich fasste mir an den Kopf. Gesprächskultur? Ich kniff mir in die linke Wange, ich träumte nicht: so handelte die Moderatorin tatsächlich. Es war kaum zu glauben, die Regie entblödete sich nicht, eine Schrifttafel einzublenden: „diskutieren Sie mit auf Facebook und Twitter. Diskutieren! Als ob man mit der Beschränkung auf 140 Unicode-Zeichen diskutieren könnte. Die Politiker und Moderatoren machen Euch, liebe Landsleute, vor, wie heutzutage „Kultur“ aussehen soll. Mit 140er Happen kann man auf Twitter-Niveau gerade nur einen kargen Schwall von heißer Luft ablassen, Etiketten auf das zu behandelnde Thema kleben, lautstark Parolen absondern oder sonstigen geistigen Unrat vom intellektuellen Gehalt der lauwarmen Pisse einer rolligen Katze ausstreuen.
3 Tage reichen völlig aus, um auf das Niveau einer 10jährigen Klosterschülerin herabzusinken.
Machen Sie, um den letzten Zweifel auszuräumen, die Probe aufs Exempel wie man innerhalb 3 Tagen von Eueren Medien verblödet wird. Es ist so leicht, liebe Landsleute, auf das Niveau Euerer Politiker zu kommen! Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen, nichts zu erfahren, sondern manches zu vergessen. Wie? Gleich wird es offenbart!
Nehmt einige Blatt Papier und schreibt ohne Falsch und Heuchelei an drei Tagen alles nieder, was Euch durch den Kopf geht, wenn Ihr von den Medien berieselt werdet, von der Lektüre der Frühstückszeitung über den Fernsehabend bis zum Porno in der Nacht im Internet. Wendet Eueren eigenen Verstand beim Beurteilen an! Schnell werdet Ihr feststellen, dass die dargebotene Kost zubereitet, verwandelt, verdisneyt und sensationiert wird, wenn sie Euch vorgesetzt wird. So verblödet Ihr durch die rohe und nackte Gewalt von Twitter, Facebook und dergleichen Deppenproduktionsanstalten. Die Meinung ist die Küche, worin alle Wahrheiten abgeschlachtet, gerupft, zerhackt, geschmort und gewürzt werden. Wenn dann nach drei Tagen dessen bin ich sicher, die Blätter Papier voll sind mit „blöd“, vielleicht auch noch „saudumm“, habt Ihr den idealen Tweet, der auf alles passt, auf die Politik, Rassismus, Talkshow, Krimi, Quiz, Kochsendung: alles „blöd“ samt Euch den Abusern.
In der Kunst, sich souverän und wissend zu erhalten, ist die Selbsterziehung die nötigste, die schönste, aber die am seltensten und am stümperhaftesten geübt wird.

Liebe Landsleute, ich muss Euch noch auf eine große Gefahr hinweisen. Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, hält uns alle zurück. „Man muss tun, was alle tun“ ist der schärfste Feind des Selberdenkens. Mit den Schafen blöken und daddeln bis die Daumen wund werden. Drückender als die Zensur der Regierungen zu meiner Zeit ist in Euerer Zeit die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt. Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten in den Medien tätigen Menschen. Aus Eitelkeit entspringt diese Schwäche.
Wer immer auf die Stimme seines Herzens und seines Verstandes hört statt auf das Marktgeschrei, und wer den Mut besitzt, nicht mit der Masse zu verblöden, wird der sein der er in Wahrheit ist.
Mit den besten Wünschen bin ich
Euer Ludwig Börne
(Persiflage nach Ludwig Börne, Vermischte Aufsätze, Börnes Werke, Erster Band, S.73ff.)

Aus meinem neuesten Buch: „Nee Popelubu, Meine Kladde 5“, amazon.de
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
Lec
Benutzeravatar
jupp
Administrator
 
Beiträge: 910
Registriert: Sa 20. Apr 2013, 11:15
Wohnort: Irgendwo, ein kleines Dorf in der Provinz

von Anzeige » Di 23. Jan 2018, 11:13

Anzeige
 

Re: Börne schreibt uns einen Brief

Beitragvon gnies.retniw » Mi 31. Jan 2018, 10:07

In der Kunst, sich souverän und wissend zu erhalten, ist die Selbsterziehung die nötigste, die schönste, aber die am seltensten und am stümperhaftesten geübt wird.


Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten in den Medien tätigen Menschen. Aus Eitelkeit entspringt diese Schwäche.


Vor vielen Jahren weilte ich in Amsterdam und besuchte das Anne-Frank-Haus in der Prinzengracht. Damals wunderte ich mich über den recht satten Eintrittspreis und die merkwürdige Zurschaustellung der letzten Bleibe der Familie Frank. Ein schaler Geschmack über den Umgang mit der Erinnerungskultur blieb in mir haften.

Über zwanzig Jahre später wagt ein Künstler die heilige Kuh zu "schlachten" und gibt einen neuen Einblick auf die stattfindende Erinnerungskultur.

Anders als das Amsterdamer Museum gibt das rekonstruierte Anne Frank Haus in Bregenz nicht vor, echt zu sein. Im Gegenteil: Es täuscht betont Lebendigkeit vor - mit weißer Wäsche auf dem Dachboden und Katzenstreu. Zwischen, neben und über den nachgebauten Möbeln der Anne Frank - dem Schreibtisch und dem Drehregal - befinden sich aktuelle Popstar-Fotos und viele Werke von Simon Fujiwara selbst: In dem Hope House begegnen wir vor allem uns selbst - und dem Künstler des Hauses, der hier einen gigantischen Schaukasten für seine Werke geschaffen hat. Simon Fujiwara macht aus der Vermarktung dieses Erinnerungsortes keinen Hehl. Er sagt über sein Hope House : "Das Projekt ist keine Parodie des Kapitalismus, es zeigt den Kapitalimus."


https://www.br.de/themen/kultur/hope-ho ... s-100.html
"Die Sonne der Kultur steht niedrig. Wen wundert's, dass Zwerge lange Schatten werfen."
Benutzeravatar
gnies.retniw
 
Beiträge: 353
Registriert: So 21. Apr 2013, 12:56
Wohnort: Anderswo. Liegt gleich neben Irgendwo.



Ähnliche Beiträge

Emma Huber schreibt Erotik
Forum: Texte
Autor: jupp
Antworten: 0
Widmer schreibt dem Papst
Forum: Notate
Autor: jupp
Antworten: 0
Ein Brief an einen Freund
Forum: Texte
Autor: jupp
Antworten: 0
Wie findet man einen jüdischen Friedhof, Teil 2
Forum: Texte
Autor: gnies.retniw
Antworten: 3
Wie findet man einen jüdischen Friedhof - Teil 1
Forum: Texte
Autor: gnies.retniw
Antworten: 3

TAGS

Zurück zu Satiren & Co.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron