Christkind und Osterhase




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Christkind und Osterhase

Beitragvon jupp » Fr 21. Dez 2018, 19:55

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DAS CHRISTKIND, DER OSTERHASE
UND DER ATHEIST


Strikt neutral steht der Jahreswechsel zwischen der Kauforgie rund um das Christkind herum und den bunten Eiern des Osterhasen. Um den geneigten (und den aufrecht stehenden) Lesern ein eigenes Urteil zu ermöglichen, habe ich ein Treffen arrangiert. Quasi eine Castingshow, allerdings ohne Heidi – meine Leser sind doch nicht bekloppt. Zur Vertiefung der Problematik habe ich noch einen Existentialisten hinzugefügt.

Dort droben geschah es, im tiefen Forst um die „Kreuzbuche“ herum, an jenem herrlichen Fleckchen Erde unserer unbeschreiblichen Gemeinde auf dem einzigartigen Sonnenplateau, das das ganze Jahr über steil ins Tal abfällt, jedoch ohne merklichen Höhenunterschied den Ortsteil Abkopf erreicht. Es geschah um 16.27 über N.N., 932 m gemäß M.E.Z., als die buntgefärbten Blätter der Laubbäume die die volle Pracht ihres Herbstdesigns längst verloren hatten, weil diese schon einige oder mehr Tage am Boden liegend dabei waren, sich in nährstoffreichen Humus zu verwandeln. Zu der Idylle passte, dass die gar genussversprechend leuchtenden Pfifferlinge, die niedlich braunbekappten Maronen und die jungfräulich unversehrt madenfreien Steinpilze nicht mehr geduldig auf ein glückliches Sammlerkörbchen warteten, weil sie schon vor Wochen ein kuscheliges Bettchen in einem solchen gefunden hatten. Just und exakt zu diesem genauen Zeitpunkt an einem zweifelsfrei geographisch definierbaren Ort geschah es, dass sich bei der Bank, die an der Gabelung zweier Wanderwege an der „Kreuzbuche“ zum besinnenden Verweilen einlädt, das ungemein süße Christkind und der braun befellte Osterhase trafen. Da brach sich ein leuchtender Sonnenstrahl Bahn durch das kahle Geäst. Eine Stimmung wie im Märchen breitete sich aus.

Der Osterhase, der tief durchatmete, weil er zu diesem Zweck in seinem Hoppeln eine Pause einlegte, fasste sich als Erster ein männlich-mutiges Herz, um in die soziale Kontaktphase eines Kommunikationsprozesses mit dem liebreizenden, wenn auch sichtlich etwas unter Magersucht leidenden Christkind zu beginnen.

„Hallo, wie geht’s? Schön, Dir an diesem launigen Tag, der so zwischen zwei Jahreszeiten herumhängt und so, irgendwie in der frischen Waldluft zu begegnen“, lispelte er zwischen den beiden übergroßen Schneidezähnen in der oberen Gebisshälfte hervor, „ey Du, sag mir, wo kommst Du her und wer bist Du?“
"Vom Himmel hoch, da komm ich her“, flötete das ganz in Weiß von einem bayerischen Aufschneider faltenfrei gewandete Himmelskind mit seiner engelgleichen Silberstimme, „ich bin das Christkind“, errötete eine Spur und senkte seine eyegelinten Augenlider über seine himmelblauen Strahleaugen. Dabei strich es sich mit einer entzückenden Handbewegung ein langes Goldlöckchen, das ihm über die rechte Gesichtshälfte gefallen war, sanft hinter sein rechtes Ohr. Das sah sehr süß aus. „Und wer bist Du?“, hauchte es, wobei sein neckischer Augenaufschlag von einem verstärkten Erröten ihrer Wangen begleitet wurde.
„Ei, ich bin der Osterhase“, antwortete dieser, „das sieht man doch. Soeben bin ich vom „Tannenboden“ aus hergehoppelt.“

Die beiden schwiegen vielsagend wortlos eine lange Weile, wie es im sozialen Kommunikationsprozess Ungeübte häufig tun, ohne dass es ihnen dabei langweilig wurde. Sie blickten sich tief in die Augen, womit sich die sie nicht heimsuchende Langeweile rückstandsfrei und lückenlos erklärt, und entdeckten bei dieser Aktivität ihre traumartige Seelenverwandtschaft; vermute ich mal, denn was soll man sonst entdecken, wenn man sich gegenseitig ganz tief und anhaltend in die Augen schaut? Aber genau weiß es niemand.

Der herzensgute Osterhase fasste sich, sobald er die Sprache wieder gefunden hatte, wiederum als Erster ein männliches Herz, um die nächste Phase des Kommunikationsprozesses zu beginnen.
„So so, vom Himmel kommst Du angeblich her, da müsstest Du doch unter Deinen Flügeln ordentlich verschwitzt sein, wenn Du einen so langen Weg zurückgelegt hast. Du siehst aber richtig frisch aus und Dein Kleidchen ist unter den Flügeln ganz trocken. Ich glaube, Du willst mich verarschen und ein Märchen auf die Nase binden. Eine kindische Erfindung des christlich-abendländischen Kulturkreises ist dieser faule Zauber. Das Christkind, das gibt es doch gar nicht.“
„Und ob es mich gibt!“, leichte Empörung mischte sich in das glockenhelle Silberstimmchen des von der Nüchternheit des Osterhasen in seinem Urvertrauen in die Menschen scher beschädigten Christkinds, „woher sollen sonst die vielen Geschenke unter den Weihnachtsbäumen der Menschen kommen?“
„Die kommen“, lispelte der Osterhase wie aus der Pistole geschossen, „vom örtlichen Einzelhandel und vom überregionalen Versandhandel.“ Fürchterlich altklug und besserwisserisch wie ein Oberstudienrat für Gesellschaftskunde und Religion blasierte die Miene des braun befellten Osterhasen in den laubfreien Forst.
In diesem Moment brach immer noch die muntere Sonne ein wenig durch die Wolken, hinter denen sie sich bis vor 23 Minuten versteckt hatte. Gar idyllisch und friedlich war ihr herzerwärmender Anblick.
Da Christkind ließ sich von dieser Stimmung nicht anstecken. „Du bist ein echter Blödmann“, echote es ziemlich entrüstet zurück, jetzt bebte seine Glöckchenstimme geradezu, und es war an ihm, seinerseits die belehrende Mimik einer Oberstudienrätin für Biologie und Geografie aufzusetzen. „Und wenn es etwas echt nicht gibt, dann bist Du es, der kindische Glauben an den Osterhasen. Das ist eine zum Himmel schreiende Kulturschande für alle, die sich trotz christlichem Abendland einen Funken Vernunft bewahrt haben.“
Dem Osterhasen schwoll eine deutlich sichtbare Zornesader an der Stelle, an der sich die linke Gesichtshälfte kurz vor dem linken Löffel befindet.
„Wenn es mich nicht gibt, wo kommen dann die Eier im Osternest her?“ lispelte er erregt zwischen seinen Schneidezähnen, wobei er sie völlig entblößte.
„Vom örtlichen Einzelhandel oder vom überregionalen Discounter“, gab das Christkind, das inzwischen wieder sehr cool geworden war, mit lakonischer Glöckchenstimme zurück, und fegte mit einer energischen Handbewegung eine lange Locke ihres Goldhaares, die ihm in die linke Gesichtshälfte gefallen war, hinter ihr linkes Ohr. Das sah sehr süß aus.

Gut, dass in diesem Augenblick, da der Kommunikationsprozess zwischen dem in faltenfreies Weiß gekleideten Christkind und dem eiertragenden Osterhasen zu einem Streitgespräch auszuarten droht, ein geheimnisvoller Mann, sichtlich von existentieller Tristesse gefüllt, des steinigen Weges vom munter springenden Dorfbrunnen herauf fürbass zur „Kreuzbuche“ geschritten kam. Schwarze Cordhose, schwarzer Rollkragenpullover, schwarzer Fünftagebart, breitkrempiger Borsalino, roter Schal. Von Kopf bis Fuß glich er einem aus dem Bilderbuch entsprungenem Nihilisten. Eine rätselhafte Erscheinung in der spätjahreszeitlichen Natur, wie sie nicht alle Tage zu Gesicht zu bekommen ist.

Diesmal fasste sich zuerst das durch das soeben erfahrene Leid hart geprüfte Christkind ein mutiges Herz, um unter Anwendung fragender Kommunikation die Situation zu klären.
„Mein gütiger Gott, bist Du vielleicht ein Künstler, der sich hier derart schlecht rasiert im tiefen Forst ergeht?“
„Lass Deinen gütigen Gott weg, ich bin kein Künstler“, erwiderte der ganz in Schwarz (mit Ausnahme des roten Schals) Gekleidete mit überraschend sonorer Stimme.
Da fiel deutlich vernehmbar dem unter neugieriger Anspannung stehenden Osterhasen infolge seiner eindeutigen Erkenntnis ein schwerer Stein vom Herzen, sodass er erleichtert zwischen seinen beiden übergroßen Schneidezähnen in seiner oberen Gebisshälfte hervorlispeln konnte: „Gott sei Dank, dass Du kein Künstler bist, was bist Du denn? Sicher ein Möchtegern-Künstler.“
„Lass Deinen Gott weg“, erwiderte der ganz in Schwarz gekleidete (mit Ausnahme des roten Schals) Angesprochene mit immer noch überraschend, aber nicht mehr ganz wie soeben, sonorer Stimme, „ich bin ein existentialistischer Atheist. Das sieht man mir doch schon von weitem an, wenn man sich die Ikonografie des zu Ende gekommenen christlichen Abendlandes vor die kundigen Augen hält. Und wer seid Ihr?“
„Ich bin das Christkind.“
„Ich bin der Osterhase.“
In diesem Moment schauten alle drei in der engen Umgebung der „Kreuzbuche“ Vorhandenen etwas ratlos und dumm aus der Wäsche.

Der existentialistische Atheist lupfte ein wenig seinen breitkrempigen Borsalino und kratzte sich ausgiebig am Hinterkopf. Er war dabei, die ihm gegenüber geäußerten Behauptungen in seine schwer komplexe Welterkenntnis einzuordnen, und dort einer näheren Prüfung auf seine Inkontinenz zu unterziehen. Nachdem er diese Prozedur beendet hatte sprach er entschlossen mit seiner sonoren Stimme: „Wenn Ihr das Christkind und der Osterhase seid, dann gibt es Euch nicht. Insoweit habe ich keine weiteren Fragen. Da ich jedoch zwei in das Da-Sein geworfene existentiale Wesenheiten wahrnehme, müsst Ihr von anderer existenzhafter Qualität von haptischer Materialität, sein, die der Weltgeist mit wehendem Geschichtsmantel hierher geworfen hat.“
„Mein großer Gott“, flüsterte erschrocken das goldgelockte Christkind, „glaubst Du nicht an das Christkind, das die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legt?“
„Vergiss Deinen großen Gott, er ist tot, wissen wir seit Nietzsche.“ Mit seinen stark behaarten Händen signalisierte der existentialistische Atheist eine alles erklärende Geste. „So wenig wie an das Christkind glaube“, an dieser Stelle warf er die Geste weg, „glaube ich an ihn. An Weihnachten legt mir meine Freundin traditionsgemäß eine Kiste Pernod unter den Weihnachtsbaum. Erfreulicherweise ist dies kein betrügerisches Versprechen des Paradieses im Himmel, die Kiste Pernod ist ein Märchen von realer Konsistenz.“
„Du lieber Gott“, lispelte der Osterhase in das Gespräch, „glaubst Du nicht an den hoppelnden Osterhasen, der zu Ostern die Eier ins Nest legt?“
„Vergiss Deinen lieben Gott, er ist tot, wissen wir seit Nietzsche. So wenig wie an den Osterhasen glaube ich an ihn. Zu Ostern entsorgt meine Freundin zuerst das Leergut, das vom Weihnachtsgeschenk übrig geblieben ist, bevor sie eine frische Kiste Pernod auf das Küchenregal, und sich daran anschließend zu mir ins Nest legt.“
„So glaubst Du denn ...“, das goldgelockte Christkind schüttelte ungläubig sein Lockenköpfchen, „an gar nichts?“, ergänzte der Osterhase und wackelte ungläubig mit seinen beiden Löffeln.
„Doch ich glaube. Ich glaube fest wie eine Burg an das Wissen der Aufklärung.“
„Dann bist du also wie alle Atheisten ein Gläubiger?“, das Christkind schob ein ihr über die rechte Gesichtshälfte gefallenes Goldlöckchen hinter das rechte Ohr (was sehr niedlich anzuschauen war), „denn du sagst Gott ist tot“, lispelte der Osterhase zwischen seinen Schneidezähnen dazwischen, „ob Gott existiert weiß kein Mensch, also meinst du, wenn du sagst, dass er tot ist, dass du nur glaubst, aber nicht weißt, dass er nicht existiert. Du bist ein atheistischer Gläubiger“.
„Wenn ich euerer Logik folge“, folgerte der atheistische Existentialist, „wenn kein Mensch Wissen um den letzten Grund des Seins hat, dann seid auch ihr keine Wissende, sondern nur Glaubende, deren Glauben ich nicht teile.“
„Deine Logik ist miserabel“, flötete das goldgelockte Christkind, wir sind Wissende, denn wir sind keine Menschen“.
„Ich bin der Osterhase...“,
„und ich das Christkind“,
„und als existentialistischer Atheist soll ich an Euch glauben? An Euch, die ihr so banal im Wald herumsteht?“

Tiefe Stille breitete sich im tiefen Tann droben an der Kreuzbuche aus. Nur ein buntgefiederter Eichelhäher flatterte von einem Geäst zum anderen. Zu allem Überfluss begann auch die liebliche Sonne, sich hinter die Wolken zu verziehen.

Bevor die tiefe Stille so tief wurde, dass sie allen Beteiligten peinlich werden konnte, raffte sich das jetzt in seinem faltenfreien Flatterhemdchen leicht schüttelfröstelnde Christkind zu einer neugierigen Frage auf.
„So sag mir unglückliches Menschenkind, was ist denn Aufklärung, an die du so unbeirrbar glaubst? Aber komm mir ja nicht mit dem ausgelutschten Ding mit dem Klapperstorch.“
Hurtig packte der atheistische Existentialist die sich günstig bietende Gelegenheit beim Schopf, und demonstrierte, dass er die Sprechblasen seines Fachs trefflich gelernt hatte. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“
„So so“, lispelte der oberstudienrätlich schlaue Osterhase zwischen seinen beiden übergroßen Schneidezähnen in der oberen Gebisshälfte, „und was findet der Mensch wenn er den Ausgang gefunden hat?“
„Er findet das dunkel wesend So-Seiende, das der Weltgeist in das rätselhaft Da-Seiende geworfen hat.“
„Das stimmt mich nachdenklich“, hauchte nach einer Nachdenkpause mit seinem silberhellen Glöckchenstimmchen das Christkind, „wenn deine Seinserklärung des Da-Seienden hieb und stichfest in seiner Erkenntniskraft belastbar ist, verliere ich dann meinen Job?“
„Muss ich dann auch zum Sozialamt?“, lispelte erschrocken der Osterhase, „statt meine Eier zu den Menschen zu tragen?“
„Seid unbesorgt Ihr Himmlischen“, der existentialistische Atheist war nun seinerseits sehr nachdenklich geworden, „wir Menschen haben noch nicht mit der ernstlichen Aufklärung begonnen. Eben haben wir erst eine Enquetekommission eingesetzt, die den Entwurf eines Gedankenpapiers für ein vorläufiges Konzeptpapier zu der Frage erarbeiten soll, was Aufklärung ist, und wie der Ausgang bei ihr gestaltet werden soll. Bis sich alle gesellschaftlich relevanten Gruppen auf einen Minimalformelkompromiss geeinigt haben, werden noch ein paar Jahrhunderte vergehen.“
„Dann kann ich noch lange Zeit an Weihnachten den Menschen Geschenke bringen?“, das holde Christkind lächelte selig.
„Und ich kann noch lange Zeit an Ostern die Eier ins Nest legen?“, der Osterhase wackelte freudig erregt mit seinen beiden Löffeln.
„Das könnt Ihr noch lange Zeit, Ihr Himmlischen, obwohl es Euch nicht gibt. Bis die Menschen aufgeklärt sind, könnt Ihr ihnen noch viel Freude machen.“

Die späte rötlich-gelb gefärbte Frühwintersonne – es war inzwischen 19.02 Uhr über N.N. geworden – war dabei, hinter der „Kreuzbuche“ im Tal auf 249 Meter M.E.Z. zu versinken. So sah es jedenfalls von Wahrnehmungsstandpunkt der Kreuzbuche“ aus gesehen aus. Aus dem Blickwinkel der „Kreuzbuche“ sah es so aus, als ob sie hinter den Hügeln von Unterbach (436 Meter über M.E.Z.) versinken würde. Aufgeklärte Menschen sehen das so, dass die Sonne nicht untergeht, sondern in der Karibik aufgeht, wenn sie hinter der „Kreuzbuche“ untergeht. Da stellt sich die Frage, ob die Aufklärung die Menschen wirklich entscheidend weiterbringt.

Das goldgelockte Christkind machte sich wieder hoch dorthin, wo es hergekommen war, der eierbepackte Osterhase hoppelte zurück zu seinem Nest am „Tannenboden“, der existentialistische Atheist lenkte entschlossen seine Schritte auf den Weg zum „Schwarzen Adler“ in Abdorf, er wurde nicht von der Sinnlosigkeit und Todessehnsucht eines in der Wolle gefärbten Existentialisten getrieben, vielmehr musste er dringend einen doppelten Pernod in sein Da-Sein werfen.
"Wahre Satire verletzt nicht - sie tötet."
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